Nachdem der gestrige Tag alles andere als nach Plan verlaufen ist (zum Blogbeitrag: Nein, das ist nicht Stepantsminda) und ich, nachdem auch am heutigen Morgen die Passstraße nach Stepantsminda gesperrt blieb, meine Träume den 5.000er Kazbeg zu sehen für diese Reise final begraben habe, ist der heutige spontan geplante Tag so verlaufen, wie er besser nicht sein könnte. Das Wetter klarte nach und nach auf und endlich endlich durften wir auch etwas länger wandern. Und soviel Neues entdecken.

Ananuri ist eine Burg in in der Nähe des gleichnamigen Dorfes in Mzcheta-Mtianeti an der Georgischen Heerstraße. Sie stammt aus dem Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit, ihre ältesten Teile werden ins 13. Jahrhundert datiert.

Ein Traumtagerl wie aus einem Reisemärchen

Reisebericht von Daniela Luschin-Wangail

Ja, ich hatte mich schon abgefunden, dass es nichts mit dem ursprünglichen Plan nach Stepantsminda zu fahren wird. Gut, also das Beste daraus machen. Wir beschließen nach Tskaltubo im Westen Georgien zu fahren und unterwegs so viel wie möglich zu entdecken. Den Anfang macht die selbst im noch regnerischen Trübsal des Morgens pittoreske Burg Ananuri, von der aus man das Aragwi-Tal gut überblicken kann und in dessen nicht TÜV-geprüften und speziell gesicherten Wachtürmen man herumkraxeln darf.

Fresko aus der Kirche der Burg Ananuri mit schaurigen Höllendarstellungen

Blick auf den Kirchturm und das dahinterliegende Aragwi-Tal

Bissl trüb, aber dennoch ganz schön anzuschauen

Und weiter geht es Richtung Tbilisi in die Stadt Mchzeta bzw. darüber hinaus ins Kircherl Jvari aus dem 6. Jahrhundert. Dort tummeln sich massig viele Touristen aus aller Welt, ein buntes Sprachengewirr zerreisst die Ruhe, die wir sonst bisher in Georgien erleben durften. Zirka 95% aller Gäste schießen das genau selbe Fotomotiv. Ich auch. Eh klar. Den Zusammenfluss des Aragwi mit dem Mtkwari, der von hier oben wirklich traumhaft anzuschauen ist. Hochgerechnet dürfte dieses Motiv wohl bereits millionenfach festgehalten worden sein.

Tatataaaa, mein Exemplar!

Der Name Jvari wird mit „Kreuzkloster“ übersetzt, was darauf zurückzuführen ist, dass die in Georgien hochverehrte Heilige Nino (ja, hier ist das ein Frauenname!) hier oben ein Kreuz hinterlassen haben soll, das nunmehr in der Kathedrale des Klosters steht.

  In die Geburtsstadt Stalins

Weiter geht es Richtung Westen bis in die Geburtsstadt Stalins, nach Gori. Zviad, unser Partner für Georgien, und ich scherzen, dass Georgien und Österreich einiges gemeinsam haben. Unter anderem auch, dass beide Länder Diktatoren hervorgebracht haben, die dann ins Nachbarland exportiert wurden, wo sie ihren Siegeszug angetreten haben. Trotzdem sind beide Länder ihre Monster nicht losgeworden. Nichts worauf wir stolz wären. Einfach nur eine interessante Parallele. Das Stalin-Museum in Gori, das beim Haus erichtet wurde, in dem der 1878 als Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili geborene Josef Stalin aufgewachsen ist, heben wir uns für Sonntag auf, wo wir nochmals durch die Stadt müssen, weil wir nämlich viel viel lieber raus in die Natur wollen, wo der Regen versiegt ist und der Himmel sich geklart hat.

Wir fahren in ein kleines Dorf unweit von Gori bis ans Ende der Straße und besuchen ein Weingut.

Von hier aus starten wir eine ausgiebige Wanderung hinauf in die Berge. Endlich!

Der Aufstieg hat sich gelohnt. Ein wunderbarer Rundumblick und ein ruhiges schönes Platzerl zum tief Luftholen.

Hier ließe es sich gut und gerne ein paar Tage aushalten. Mit dem Besitzer des Weinguts wurden ein paar interessante Wanderrouten besprochen, die wir gerne auch in dein Programm einbauen können.

Das Dorf und die Wanderung dort waren definitiv mein absoluter bisheriger Höhepunkt dieser Georgien-Reise, auch wenn es dort eigentlich recht unspektakulär ist. Aber Reisen sind für mich immer auch ein Runterkommen und Sichwiedererden und das geht meiner Meinung nach immer dort am besten, wo am wenigsten Trubel ist, an den Coldspots – im Gegensatz zu den touristischen Hotspots – wo man ein Land und seine Natur authentisch erleben darf. Wandern ist immer wieder eine effiziente Methode den Käse des Alltags einfach mal verschimmeln zu lassen. Nachdem ich mir meine Füße heute wieder mal gescheit vertreten durfte, ist mein Endorphin-Level heute endlich wieder gscheit hoch und ist gleich danach noch höher angestiegen.

Schon vor einigen Tagen hatte ich Zviad gebeten mich dorthin zu führen, wo auch ein durchschnittlicher Georgier wirklich gerne isst. Kein fancy Schicki-Micki-Restaurant bitte! Auf meinen vergangenen Reisen habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es das beste Essen eines Landes in einfachen Straßen-Raststätten gibt, da wo die Lastwagenfahrer und die Durchreisenden Pause machen und Frauen oder Männer aus dem Dorf genau das Essen zubereiten, das sie auch zu Hause auftischen würden.

Ich lande am Ende an einer Raststätte, die Zviad schon seit seiner Kindheit von Autofahrten kennt und von der er bis heute schwärmt. Und tatsächlich. Ein Traum. Ich esse zwar drei Gerichte, von denen ich bis jetzt keine Ahnung habe, was es war, weil Zviad mir die Gemüse nicht ins Englische übersetzen konnte und ich weder visuell noch geschmacklich ausmachen konnte, worum es sich handelte, aber es war hervorragend.

Das Setting des Restaurants ist ungewöhnlich. Man isst dort in kleinen Hütten, in denen jeweils ein Tisch mit Sesseln und einem Metallofen stehen. Der Kellner kommt, nimmt die Bestellung auf, schließt die Tür, bringt ein paar Minuten später das Essen und verabschiedet sich wieder. Zumindest muss man sich in solche Separées keine Gedanken um Tischmanieren machen.

Sofort wieder würde ich hierher pilgern, nur um mir den Bauch richtig vollzuschlagen.

Wenngleich der Tag Kur genug für mich war, endet er in der ehemaligen Sowjet-Kurstadt Tskaltubo, in der sich sogar Stalin vom Diktatoren-Stress erholt haben soll. Wir nächtigen in einem einstigen Sanatorium, das vor ein paar Jahren in ein Hotel umfunktioniert wurde, während die meisten anderen Sanatorien zwischenzeitlich dem Verfall preisgegeben sind. Die stehen morgen am Programm. Und einiges mehr.

 

 




Wenn mich mein Job eines gelehrt hat dann die Tatsache, dass man Reisen noch so gut planen und organisieren kann und trotzdem geht alles in die Hose. Der Mensch täte ja gerne alles regeln und garantiert haben, aber manchmal werden wir auch einfach gelenkt und haben keine andere Wahl als uns höheren Gewalten zu beugen. Auch wenn es das ist, worauf wir uns am meisten gefreut haben. Wie eben ich mich auf Stepantsminda (1.700m) am Fuße des 5.047m hohen Kazbeg, weil es dort wunderbar zum Wandern ist und auch feine Fotomotive liefert. Das Titelbild dieses Beitrags (siehe oben) hätte ich gerne selbst geschossen. Hab ich aber nicht. Weil es partout letzte Nacht so viel schneien musste, dass die Passstraße dorthin wegen akuter Lawinengefahr gesperrt wurde. Verdammt!

Am Weg nach Stepantsminda berichtet das staatliche Fernsehen vom plötzlichen und erneuten Wintereinbruch und der Sperre der Passstraße wegen akuter Lawinengefahr

Georgien: Oft geht blöd!

Schon am Vortag waren wir auf Schneefall vorbereitet und darauf, dass die geplante Wanderung unter Umständen etwas kürzer ausfallen würde. Und selbst wenn es keine Wanderung gäbe, Hauptsache die fesche Kirche Zminda Sameba auf 2.170m sehen und vor der atemberaubenden Bergkulisse fotografieren (siehe nochmals Titelbild). Das war mein erklärtes Ziel.

In der Früh hat es in Kachetien – unserem Ausgangspunkt – geschüttet, die Straßen standen teilweise unter Wasser und die Schönheit des Alazani-Tals war unter derart trüben Bedingungen auch nicht wirklich optimal zu genießen, geschweige denn fotografisch festzuhalten.

Die Kirche Gremi im Alazani-Tal schaut auf diesem Foto trotz des Schnürlregens halbwegs passabel aus.

Schließlich wurden wir telefonisch darüber verständigt, dass die Passstraße nach Kazbegi (der alte Name Stepantsminda) polizeilich gesperrt wurde. Zuviel Schnee war gefallen und fällt noch immer und die Gefahr von Lawinenabgängen sei einfach zu hoch. Ich gestehe, dass ich alles andere als glücklich war, aber zum Heulen war mir doch nicht. Damals, ja, vor mehr als 10 Jahren noch, da hätte ich mich wie Rumpelstilzchen geärgert und wär im Kreis gesprungen, weil ich ja unbedingt, unbedingt dorthin wollte. Aber nach den vielen Jahren Arbeit im Himalaya und in Indien hab ich eines gelernt: die Dinge so zu nehmen wie sie sind. Wir können minutiös und so veraussehend wie nur irgendmöglich planen und überaus bemüht sein, aber wenn der Himmel sagt, er muss die frühlingshafte Welt jetzt unbedingt noch einmal mit einem heftigen Schneefall strafen, ja, dann ist dem so und da hilft all die Wut nichts.

Auf dem Weg in Richtung Stepantsminda wird sichtbar, dass wirklich einiges an Schnee gefallen ist.

Wir beschließen zumindest bis nach Gudauri auf 2.196m, einem für Skisport und Heliskiing beliebten Ort am Fuße des Kudebi, ca. 35km vor Stepantsminda zu fahren und darauf zu hoffen, dass wir morgen weiter kommen, wenngleich die Aussichten gering sind, weil für die nächsten 10 (!) Tage täglich Schneefall prognostiziert wird.

 

Die Berge am Beginn der Passstraße nach Gudauri sind nebelverhangen.

In Gudauri liegt zwar gar nicht mehr so viel Schnee, weil die Temperaturen im Laufe des Tages wieder im Plusbereich sind, dafür aber ist es gatschig und es tröpfelt vor sich hin, zum Wandern keine guten Voraussetzungen und generell erinnert mich die Ortschaft an all die hässlichen künstlich aufgezogenen österreichischen Schiregionen mit viel zu großen und absolut uncharmanten Hotelanlagen. Nur noch etwas hässlicher. Nein, das ist nicht mein Stepantsminda. Folglich sitze ich jetzt im Hotel schreib diesen Beitrag und hoffe auf ein Wunder für den morgigen Tag. Ansonsten werden die Bergriesen des Kaukasus hier an der Grenze zu Südossetien und Russland morgen wieder verlassen und Alternativen erkundet. Wer weiß wofür es gut ist. Womöglich führt mich so das Schicksal an einen noch spannenderen Ort. Davon gehe ich jetzt einfach mal aus, nein, ich erwarte es. Und wenn dem nicht so ist, dann werde ich zu Rumpelstilzchen 😉

Stepantsminda und Gudauri liegen an der berühmten Heeresstraße an der Grenze zu Russland und der umstrittenen Region Süd-Ossetien, das völkerrechtlich zu Georgien gehört, sich jedoch abgespalten hat und dessen Unabhängigkeitsbestrebungen von den Russen mit strategischem Kalkül unterstützt werden. Foglich sind die Georgier auf Russland nicht besonders gut zu sprechen.

Gudauri selbst ist nicht gerade schön. Ein künstlich hochgezogener Ferienort, desssen Gebäude viel zu schnell und ohne Liebe hochgezogen wurden. Die bestimmt atemberaubende Bergkulisse bleibt mir leider wegen des Nebels größtenteils verwehrt.

Das Kircherl unweit des Zentrums von Gudauri.




Verdammt! Der Blick aus dem Fenster nach dem Aufstehen hat dem Himmel entsprechend trübe gestimmt. Es regnet! Und das genau an dem Tag an dem wir dringend, wirklich dringend, gutes Wetter brauchen würden. Denn am Programm steht der Vashlovani Nationalpark in Kachetien, dessen Jeeppisten bei Regen nicht nur schnell verschlammt sondern richtiggehend unter Wasser stehen. Dabei hatte ich gestern noch insbrünstig gen Himmel geschrien und den Wettergott angefleht der eh schon schlechten Wettervorhersage einen Strich durch die Rechnung zu machen.

Die miese Wetterlaune steigt beim Frühstück zum Glück. Bei dem Anblick absolut verständlich. Nicht wahr? (Das Foto entstand bevor noch weitere Köstlichkeiten serviert wurden.)

Vashlovani Nationalpark und Sowjet-Militärflughafen

Erfahrungsbericht von Daniela Luschin-Wangail

 

… und was ist passiert? Beim Losfahren ist der Regen versiegt und bis wir im Nationalpark ankommen, sind so gut wie alle Wege wieder halbwegs trocken und damit gut befahrbar. High Five gen Himmel! Danke, werter Wettergott! Schon am Weg zum Vashlovani Nationalpark ändern sich die Landschaften rasant. Anfangs toskanaähnlich, dann wieder weit und steppengleich, es folgen Hügel und schließlich mehr oder weniger bare Felslandschaften, mal Sandgestein, mal andere Steinformationen, die einer Geologie-Laiin wie mir nichts sagen. Mit von der Partie sind nicht nur unser Geschäftspartner für Georgien, Zviad, sondern auch ein lokaler Guide namens Giorgi, ein immer-fröhlicher junger Mann, der ganz offensichtlich nicht nur alle Wege des überaus verwirrenden Jeep-Pisten-Netzes, sondern auch alle Pflanzen und Tiere des Nationalparks zu kennen scheint. Menschen treffen wir hier kaum, nur einige Ranger. Dafür aber unzählige Landschildkröten, die wir wiederholt von der Straße an den Rand heben müssen, damit wir sie mit unserem schweren SUV nicht zerquetschen.

Neben den langsamen Reptilien gibts aber auch flottere: Echsen und Schlangen. Die Levanteotter und die Sandboa sind die bekanntesten. Größere einheimische Tiere sind Gazellen, Goldschakale, Wölfe, Rohrkatzen und Braunbären. Es gibt sogar Sichtungen von Leoparden, aber sehr sehr wenige. Die Gazellen wurden während der Sowjetzeit so erfolgreich gejagt, dass sie bis vor der Wiedereinführung vor ein paar Jahren hier gänzlich ausgestorben waren.

Ich mag die Eintönigkeit von weiten Ebenen. Doch schon bald ändert sich die Landschaft gravierend.

Man erinnert sich zeitenweise in die Kulisse von Winnetou-Filmen versetzt.

Über Jahrhunderte waren georgische Wachleute an den Bergketten stationiert, um durchziehende Karawanen zu erkennen und Zölle für ihre Waren abzukassieren.

… und schon wieder eine komplett andere Landschaft. Sanft geschwungene Hügel mit wilden Pistazien-, Wacholder- und Granatapfelbäumen.

Die Russen haben im Vashlovani-Nationalpark Yuccapalmen im großen Stil angebaut. Heute wachsen sie noch immer, genutzt werden sie aber nicht mehr.

Und hinten am Horizont liegt schon Aserbaidschan.

Faltiges Minigebirge übersät von kleinen Baumtupfen.

Hier muss man einfach Panorama-Bilder schießen.

Wir haben die Schildkröte beim Trinken über Minuten beobachtet und festgestellt, dass die Tiere nicht nur beim Gehen sondern auch beim Wassernehmen überaus langsam sind. Ich könnte dem Leser jetzt auch erzählen, dass das oben kein Foto sondern ein Video ist. Ein Unterschied wäre nicht zu erkennen.

… und dann ein Kontrast, der größer nicht sein könnte

Am Weg zurück halten wir auf der Ebene von Shiraki. Was ich aus der Ferne als großes Dorf wahrgenommen habe, stellt sich beim Näherkommen als riesiger Militärflughafen raus. Seit der Unabhängigkeit Georgiens ist er nicht mehr in Betrieb, soll aber einst der größte Militärflughafen der Sowjetunion gewesen sein. Eine riesige brach liegende Landebahn wird von zig, wenn nicht Hunderten Hangars gesäumt, die von oben nicht wahrgenommen werden, weil sie mit Erde bedeckt wurden und somit von Gras überwachsen sind.

Ich hab mir das natürlich gleich auf Google Maps anschauen müssen, aber die Russen haben wohl extra eine Wolkendecke vorgeschoben, damit man nicht zuviel davon zu sehen bekommt! Die Landebahn und das Straßennetz mit Verbindungen zu den einzelnen Hangars kann man trotzdem gut erkennen.

Bis auf ein Flugzeug haben die Russen alles mitgenommen als sie abziehen mussten. Die Bewohner der umliegenden Dörfer haben nicht nur das Flugzeug gründlich geplündert, sondern auch die unzähligen Gebäude auf dem Areal, von denen kein einziges mehr Fenster oder Türen, geschweige denn irgendein Interior hat. Sie nutzen sie dafür gelegentlich als Stallungen für ihre Tiere.

Die Hangars (ja, das ist tatsächlich die Mehrzahl von Hangar, ich habe es geprüft) werden von den Dorfbewohnern heute als Lager für ihre Ernte genutzt.

Giorgi erzählt uns noch, dass unter dem Flughafen unterirdische Bürogebäude angelegt und angeblich radioaktive Materialien eingelagert wurden. Der Zutritt ist deswegen verboten und der Zugang verbarrikadiert.

 

Hangar von vorne

Am Ende des Tages weiß ich gar nicht, was ich spannender finde: den wirklich wunderbaren Nationalpark Vashlovani oder die derbe Schönheit der Überreste aus einer vergangenen Ära. In jedem Fall ist der Kontrast zwischen diesen beiden Höhepunkten kaum zu übertreffen und eine Kombination für sich, die ich jederzeit wieder machen würde.

Der Regen hat übrigens erst kurz vor Eintreffen beim Hotel wieder eingesetzt. Das hab ich also ziemlich gut ausgehandelt.




Ein zweiter eindrucksvoller Tag in Georgien ist fast um. Mein Kopf ist nicht nur voll mit neuen Impressionen sondern auch leicht benebelt von der Weinverkostung im Traumstädtchen Sighnaghi, der Bauch dahingegen gefüllt mit weiteren Delikatessen der georgischen Küche. In Momenten wie diesen beneide ich mich unsäglich um meinen Job 😉

Blick über das Städtchen Sighnaghi, das mich sofort an Italien erinnert hat, mit den schneebedeckten Bergen des Kaukasus in Dagestan im Hintergrund

Der Weinkeller Georgiens: Kachetien

Erfahrungsbericht von Daniela Luschin-Wangail

Und schon geht es raus aus Tbilisi. Nicht weil die Stadt nicht schön war, nein, weil es noch so viel mehr zu entdecken gibt. Trotzdem Georgien flächenmäßig nicht sehr groß ist – knapp unter 70.000km2 -, ist es landschaftlich sehr vielfältig. Mein heutiges Ziel: Kachetien, östlich von Tbilisi an der Grenze zu Aserbaidschan, Tschetschenien und Dagestan.

 

Kachetien ist insbesondere für seinen Weinbau bekannt und zählt zu den ältesten Weinanbauregionen der Welt. Erste Spuren des Weinbaus datieren zurück bis ins 6. Jahrtausend v. Chr. Neben Kachetien gibt es noch weitere Anbauregionen, Kachetien ist aber die bedeutendste. Das Klima ist für den Anbau von Weintrauben ideal. Hauptrebsorten sind Rkaziteli, eine weiße Sorte, und Saperawi, eine rote Sorte. Die Besonderheit des georgischen Weins ist seine Herstellung. Weltweit gibt es nur drei verschiedene Herstellungsmethoden – wie ich heute lernen durfte – die europäische, die jüdische und eben die georgische. Die UNESCO hat die georgische Methode sogar zum Weltkulturerbe erhoben. Was die Methode so speziell macht ist die Tatsache, dass der Traubensaft zusammen mit der Maische in riesigen Tongefäßen (Kwewri) bis zum Hals in der Erde eingegraben werden, die mit Holz oder Schieferstein abgedichtet und mit Ton und Asche versiegelt werden.

 

Weinverkostung in Sighnaghi. Drei verschiedene Weine durfte ich kosten – 2 verschiedene Weißweine unterschiedlicher Stärke und einen Rotwein, den berühmten Saperavi, als auch die aus Weintrester hergestellte Spirituose Tschatscha. Die leicht gelbliche bis bernsteinfarbene Färbung der Weißweine ist eine weitere Besonderheit der georgischen Weine.

 

Dawit Garedscha: Spuren des alten Christentums in Georgien

Vor dem Versinken in diverse Weingeschmäcker durfte ich in eines der ältesten georgisch-orthodoxen Kloster des Landes eintauchen. Das Koster Dawit Garedscha wurde im 6. Jhdt. n. Chr. gegründet und liegt im Höhenzug von Udabno in der ost-georgischen Steppe direkt an der Grenze zu Aserbaidschan. Der Name des Klosters ist auf den Gründervater Dawit, einer der 13 Syrischen Väter zurückzuführen, die die Georgier zum Christentum missioniert haben. Nachdem Dawit in Tbilisi gepredigt hatte, zog er sich in die Halbwüste Kachetiens zurück. Bis heute ranken sich zahlreiche Legenden um sein Leben. So soll er mehrere Tage gebetet haben, als plötzlich in der Nähe des Klosters aus dem Felsen Trinkwasser floss. Die noch heute bestehende Quelle nennt sich „Tränen Dawits“.

In den folgenden Jahrhunderten hat sich das Koster nach und nach erweitert. Weitere zugehörige Teile sind unter anderen Bertubani (heute in Aserbaidschan), Zamebuli, Dodorka, Natlismzemeli, Udabno und Tschitschchituri. Sie befinden sich unweit von Dawit Garedscha und in einem nördlich gelegenen Höhenzug bei der offenen Siedlung Udabno. Dorthin musst du unbedingt wandern, auch wenn der Weg teilweise etwas rutschig und steil ist. Und unbedingt Wasser und Kopfbedeckung mitnehmen. Es kann verdammt heiß werden. Dauer der Rundwanderung ca. 1 Stunde.

Das Kloster musste immer wieder schwere Zeiten aufgrund von Invasoren durchleiden, die in der Enthauptung und Tötung von rund 6.000 Mönchen durch den persischen Schah Abbas im Jahr 1615 gipfelten. Die Zahl 6.000 kann angezweifelt werden, scheint es doch nahezu unmöglich, dass dort wirklich 6.000 Mönche gelebt hatten. Vielleicht spielt etwas Übertreibung mit. Viele waren es in jedem Fall.

In der Sowjetzeit wurde das Kloster geschlossen, erst 1990 wurde Dawit Garedscha wieder als Kloster geweiht.

Und hier noch ein paar Bilder von Dawit Garedscha. Damit darf ich noch ein wenig mein schönes Boutique-Hotel nahe Sighnaghi genießen.

Hier sieht man schön die Klausen der Mönche

Blick über den Höhenzug von Udabno, der zwischen Georgien und Aserbaidschan liegt und auf den man unbedingt wandern sollte, um den oberen Teil mit den alten Klausen zu sehen. Wanderung (Rundweg) dauert ca. 1-2 Stunden (es kann heiß werden, also unbedingt Kopfbedeckung und Wasser mitnehmen!)

Fresken in den oberen Klausen am Höhenzug. Leider arg in Mitleidenschaft gezogen – durch Invasoren und auch übermütige Jugendliche

Mehr Wandmalereien

Landschaft am Weg zum Kloster

Salzsee am Weg nach Dawit Garedscha

 




 Angekommen in Georgien. Der erste Blick aus dem Flugzeug fällt auf eine riesige Werbetafel für ein Casino: Shangri La. Verheißungsvoller Name mit wohl eher geringen Chancen für SpielerInnen das wirklich große Geld darin zu machen. Trotzdem kommen Hunderttausende Gäste jährlich aus dem Nahen und Mittleren Osten nach Georgien, um hier ihr Glück am Spieltisch oder -automaten zu versuchen. Gewinner sind aber vor allem die Casinos selbst und der Staat. Mein Shangri La aber suche ich nicht im Casino, sondern gleich am ersten Tag beim Eintauchen in die spannende Welt der Hauptstadt Georgiens: Tbilisi oder Tiflis, wie man es im deutschen Sprachraum nennt.

Das Casino ist nicht mein Shangri La. Die Stadt Tbilisi kommt dem schon viel näher.

Traumstadt Tbilisi

Ein Erfahrungsbericht von Daniela Luschin-Wangail

Der im Deutschen gebräuchliche Name Tiflis kommt entweder aus dem Türkischem oder Persischem, ganz klar ist es nicht. Tatsächlich hieß Tbilisi von 1845 bis 1936 sogar offiziell Tiflis. So falsch liegt man damit also nicht. Im Georgischen bedeutet tbili „warm“ und tbilisi soviel wie „warme Quelle“, was uns direkt zur Legende rund um die Gründung der Stadt führt, in der rund ein Drittel der gesamten georgischen Bevölkerung lebt (ca. 3,7 Mio in ganz Georgien, in Tiflis 1,11 Mio).

Die Legende: König, Falke & Fasan

Der Gründungslegende von Tbilisi zufolge soll der König Wachtang Gorgassali (446-502) dort wo heute die Hauptstadt Georgiens liegt mit seinem Falken nach einem Fasan gejagt haben. Sein Falke als auch der anvisierte Fasan verschwanden jedoch in einer Schlucht. Der König hat sich mit seinem Gefolge auf die Suche nach den beiden begeben und sie schließlich an einer heißen Quelle gefunden. Der beeindruckte König ließ die Quelle untersuchen, erkannte in ihnen eine heilende Kraft und beschloss hier seine Hauptstadt zu bauen.

Tatsächlich sprudeln in Tbilisi schwefelhaltige heiße Quellen, deren Kraft man bis heute in architektonisch eindrucksvollen Badehäusern zu schätzen und nutzen weiß.

Pulsierender Schmelztiegel

Das Bild der Stadt ist unglaublich bunt. Einflüsse verschiedenster Kulturen, Religionen, politischer Strömungen, geschichtlicher Ereignisse und moderner Entwicklungen haben ein unfassbar vielfältiges und doch stimmiges Kunstwerk geschaffen. Tbilisi ist soviel, so vielschichtig, dass es mir schwerfällt es mit mir anderen bekannten Städten zu vergleichen. Es ist Paris, Prag, Delhi, Teheran, Moskau, Istanbul und Berlin gleichermaßen und doch einfach nur Tbilisi. Es braucht keine Vergleiche. Es ist was es ist. Eine unsäglich schöne, vibrierende, heterogene, historische und unglaublich moderne Stadt, ein Schmelztiegel verschiedenster Einflüsse, ein Beispiel dafür wie schön Vielfalt sein kann.

Durch dieses Wunder fließt der Mtkwari, den die Russen Kura nennen, von West nach Ost. Nördlich des Flusses befinden sich die am meisten fotografierten Motive der Stadt. Rechts bzw. südlich des Flusses liegen der Heilige Berg Mtazminda (720m), die alles überblickende Mutter Georgiens Kartlis Deda, eine 20m hohe Statue, die in der rechten Hand ein Schwert gegen Feinde und in der linken eine Trinkschale mit Wein für Gäste hält, die eindrucksvolle omnipräsente Festung Narikala, die für Fußfaule auch per Seilbahn erreichbar ist, und die wirklich unvergesslich schöne Altstadt. Verbunden sind beide Flussseiten unter anderem durch die Friedensbrücke, die augenscheinlich auffällt. Die ultramoderne erst 2009/10 errichtete Brücke steht symbolisch für das für Tiflis typische und so harmonische Hand in Hand des Alten und Neuen. Enge mit Kopfsteinpflaster durchzogene Gassen, die von alten georgischen Häusern mit aufwändigen Holzbalkonen gesäumt sind, jahrhundertealte orthodoxe Kirchen nebst Sowjetbauten und dem neuen kultur- und kunstliebenden modernen Georgien.

Ein Must ist ein Eintauchen in die Kaffeehäuser und Restaurants der Stadt, die eine bunte Kollage aus Graffiti, orientalischem Flair und Vintage-Style sind. Ein überaus sättigender und erfüllender, aber gar nicht notwendiger Augenschaus, ist doch die georgische Küche schon Befriedigung genug. Bei Khachapuri, Chinkali, Lobio, Pchali und Co würde ich auch im düsteren Keller glücklich und froh speisen.

Was ich noch gaaaanz toll an Tbilisi finde: es gibt hier unheimlich viele Katzen. Nach den ganzen hundevollen Städten und Dörfern der vergangenen Jahre ist das wahrer Balsam für die katzenliebende Seele.

Nicht so toll, sondern eher traurig, finde ich, dass es hier eine ziemliches Problem mit Altersarmut gibt und alte bettelnde Menschen leider auch Teil des Stadtbildes sind. Gar nicht aufdringlich. Einfach nur herzzerbrechend.


Interessanteste Info des Tages für mich persönlich

 

Die Frau am 50 Lari-Schein (Lari [GEL] ist die georgische Währung) nennt sich interessanterweise König Tamar. Nein, nicht KönigIN Tamar. Die Georgier sprechen bewusst mit männlichem Monarchstitel von ihr, weil sie ihrer Meinung nach einem König in nichts nachsteht. König Tamar wird von den Georgiern bis heute hoch gepriesen. Ich persönlich finde den Grund für ihre „Vermännlichung“ eine schräge Argumentation und kann dem nicht beipflichten und werde definitiv nicht als König von ihr sprechen, denn auch als Königin kann sie sich sehen lassen: Königin Tamar (geb. 1160, gestorben 1213) war Herrscherin über das mittelalterliche Georgien und führte es im Goldenen Zeitalter auf den Höhepunkt seiner Macht. Tamar modernisierte Politik, Wirtschaft und Kultur. Staatliche Proklamationen wurden nur noch nach Absprache mit dem Adelsparlament Darbasi verkündet. Auf lokaler Ebene schuf sie Gerichte, gegen deren Entscheidungen Widerspruch bei einem Obersten Gerichtshof eingelegt werden konnte. Sie schaffte die Todesstrafe und die Verstümmelung von Straftätern ab, ließ Kirchen und Klöster errichten, unterstützte Wissenschaftler, Dichter und Künstler. Alles in allem definitiv eine tolle und bewundernswerte Frau. (das lass ich jetzt mal fett stehen)

Es gäbe noch so viel zu schreiben. Soviele Eindrücke, so viel dazugelernt. Doch nichts kann den Charme einer Stadt besser vermitteln als Bilder von dort. Also: Scroll dich. Tauch ein. Sei kurz da. Und wenn das nicht reicht. Dann komm!

Altes georgisches Haus mit mediterranen Pflanzen

Der eigenwillige Uhrenturm, der vom hiesigen Marionettenspieler erbaut wurde.

Die Berikaoba-Skulptur ist ein beliebtes Fotomotiv

Graffiti, Graffiti, wohin das Auge blickt. Wunderbar!

 

Der Falke des Königs Wachtang mit erlegtem Fasan aus der Gründungslegende vor den Badehäusern der Stadt.

Auch die ganz kleinen Graffitis haben es mir angetan.

Die engen Gassen der Altstadt sind ein absolutes Must See.

Beliebte Unterkunft junger Backpacker: Fabrika. Gar nicht so billig, aber hipp.

Am Flohmarkt

Nicht Intimissimi-Unterwäsche, nein, die georgische Schrift hat es mir angetan.

Badehaus im iranischen Stil nebst georgischem Haus.

Khachapurito – ähnlich der bekannteren Khachapuri – georgische Flade mit Käse und Gemüse gefüllt.

Georgisch-Orthodoxe Kirche mit prachtvollen Blüten

Das alte Tbilisi – vermutlich um 1900

Ein bissl Georgisch sollte man sich schon merken

Ich mag das Neue auf Altem

Same here

La Opera

Bettelnde Gruppen von Roma sind ebenfalls Teil des Alltags

König Wachtang mit Blick auf die Festung Nakila

Georgier lieben ihren Wein.

Café Leila. Sehr leckeres vegetarisches Restaurant.

Sogar Toiletten sind in Tbilisi einfach nur schön (manche 😉 )

Ich kenne den Piros-Man nicht – vielleicht ist er der georgische Supermann – aber ich mag ihn.

Radfahren in Tbilisi? Warum nicht?

Die alten Badehäuser in der Altstadt sind unbedingt einen Besuch wert.

Kann man von solchen Häusern je genug bekommen?

Phkali. Schwer auszusprechen. Dafür sehr gut auf der Zunge.

Nettes Restaurant in der Altstadt. Café Linville.