Angekommen in Georgien. Der erste Blick aus dem Flugzeug fällt auf eine riesige Werbetafel für ein Casino: Shangri La. Verheißungsvoller Name mit wohl eher geringen Chancen für SpielerInnen das wirklich große Geld darin zu machen. Trotzdem kommen Hunderttausende Gäste jährlich aus dem Nahen und Mittleren Osten nach Georgien, um hier ihr Glück am Spieltisch oder -automaten zu versuchen. Gewinner sind aber vor allem die Casinos selbst und der Staat. Mein Shangri La aber suche ich nicht im Casino, sondern gleich am ersten Tag beim Eintauchen in die spannende Welt der Hauptstadt Georgiens: Tbilisi oder Tiflis, wie man es im deutschen Sprachraum nennt.

Das Casino ist nicht mein Shangri La. Die Stadt Tbilisi kommt dem schon viel näher.

Traumstadt Tbilisi

Ein Erfahrungsbericht von Daniela Luschin-Wangail

Der im Deutschen gebräuchliche Name Tiflis kommt entweder aus dem Türkischem oder Persischem, ganz klar ist es nicht. Tatsächlich hieß Tbilisi von 1845 bis 1936 sogar offiziell Tiflis. So falsch liegt man damit also nicht. Im Georgischen bedeutet tbili „warm“ und tbilisi soviel wie „warme Quelle“, was uns direkt zur Legende rund um die Gründung der Stadt führt, in der rund ein Drittel der gesamten georgischen Bevölkerung lebt (ca. 3,7 Mio in ganz Georgien, in Tiflis 1,11 Mio).

Die Legende: König, Falke & Fasan

Der Gründungslegende von Tbilisi zufolge soll der König Wachtang Gorgassali (446-502) dort wo heute die Hauptstadt Georgiens liegt mit seinem Falken nach einem Fasan gejagt haben. Sein Falke als auch der anvisierte Fasan verschwanden jedoch in einer Schlucht. Der König hat sich mit seinem Gefolge auf die Suche nach den beiden begeben und sie schließlich an einer heißen Quelle gefunden. Der beeindruckte König ließ die Quelle untersuchen, erkannte in ihnen eine heilende Kraft und beschloss hier seine Hauptstadt zu bauen.

Tatsächlich sprudeln in Tbilisi schwefelhaltige heiße Quellen, deren Kraft man bis heute in architektonisch eindrucksvollen Badehäusern zu schätzen und nutzen weiß.

Pulsierender Schmelztiegel

Das Bild der Stadt ist unglaublich bunt. Einflüsse verschiedenster Kulturen, Religionen, politischer Strömungen, geschichtlicher Ereignisse und moderner Entwicklungen haben ein unfassbar vielfältiges und doch stimmiges Kunstwerk geschaffen. Tbilisi ist soviel, so vielschichtig, dass es mir schwerfällt es mit mir anderen bekannten Städten zu vergleichen. Es ist Paris, Prag, Delhi, Teheran, Moskau, Istanbul und Berlin gleichermaßen und doch einfach nur Tbilisi. Es braucht keine Vergleiche. Es ist was es ist. Eine unsäglich schöne, vibrierende, heterogene, historische und unglaublich moderne Stadt, ein Schmelztiegel verschiedenster Einflüsse, ein Beispiel dafür wie schön Vielfalt sein kann.

Durch dieses Wunder fließt der Mtkwari, den die Russen Kura nennen, von West nach Ost. Nördlich des Flusses befinden sich die am meisten fotografierten Motive der Stadt. Rechts bzw. südlich des Flusses liegen der Heilige Berg Mtazminda (720m), die alles überblickende Mutter Georgiens Kartlis Deda, eine 20m hohe Statue, die in der rechten Hand ein Schwert gegen Feinde und in der linken eine Trinkschale mit Wein für Gäste hält, die eindrucksvolle omnipräsente Festung Narikala, die für Fußfaule auch per Seilbahn erreichbar ist, und die wirklich unvergesslich schöne Altstadt. Verbunden sind beide Flussseiten unter anderem durch die Friedensbrücke, die augenscheinlich auffällt. Die ultramoderne erst 2009/10 errichtete Brücke steht symbolisch für das für Tiflis typische und so harmonische Hand in Hand des Alten und Neuen. Enge mit Kopfsteinpflaster durchzogene Gassen, die von alten georgischen Häusern mit aufwändigen Holzbalkonen gesäumt sind, jahrhundertealte orthodoxe Kirchen nebst Sowjetbauten und dem neuen kultur- und kunstliebenden modernen Georgien.

Ein Must ist ein Eintauchen in die Kaffeehäuser und Restaurants der Stadt, die eine bunte Kollage aus Graffiti, orientalischem Flair und Vintage-Style sind. Ein überaus sättigender und erfüllender, aber gar nicht notwendiger Augenschaus, ist doch die georgische Küche schon Befriedigung genug. Bei Khachapuri, Chinkali, Lobio, Pchali und Co würde ich auch im düsteren Keller glücklich und froh speisen.

Was ich noch gaaaanz toll an Tbilisi finde: es gibt hier unheimlich viele Katzen. Nach den ganzen hundevollen Städten und Dörfern der vergangenen Jahre ist das wahrer Balsam für die katzenliebende Seele.

Nicht so toll, sondern eher traurig, finde ich, dass es hier eine ziemliches Problem mit Altersarmut gibt und alte bettelnde Menschen leider auch Teil des Stadtbildes sind. Gar nicht aufdringlich. Einfach nur herzzerbrechend.

[tg_promo_box title=““ border=““ shadow=“0″ button_text=““ button_url=““]
Interessanteste Info des Tages für mich persönlich

 

Die Frau am 50 Lari-Schein (Lari [GEL] ist die georgische Währung) nennt sich interessanterweise König Tamar. Nein, nicht KönigIN Tamar. Die Georgier sprechen bewusst mit männlichem Monarchstitel von ihr, weil sie ihrer Meinung nach einem König in nichts nachsteht. König Tamar wird von den Georgiern bis heute hoch gepriesen. Ich persönlich finde den Grund für ihre „Vermännlichung“ eine schräge Argumentation und kann dem nicht beipflichten und werde definitiv nicht als König von ihr sprechen, denn auch als Königin kann sie sich sehen lassen: Königin Tamar (geb. 1160, gestorben 1213) war Herrscherin über das mittelalterliche Georgien und führte es im Goldenen Zeitalter auf den Höhepunkt seiner Macht. Tamar modernisierte Politik, Wirtschaft und Kultur. Staatliche Proklamationen wurden nur noch nach Absprache mit dem Adelsparlament Darbasi verkündet. Auf lokaler Ebene schuf sie Gerichte, gegen deren Entscheidungen Widerspruch bei einem Obersten Gerichtshof eingelegt werden konnte. Sie schaffte die Todesstrafe und die Verstümmelung von Straftätern ab, ließ Kirchen und Klöster errichten, unterstützte Wissenschaftler, Dichter und Künstler. Alles in allem definitiv eine tolle und bewundernswerte Frau. (das lass ich jetzt mal fett stehen)[/tg_promo_box]

Es gäbe noch so viel zu schreiben. Soviele Eindrücke, so viel dazugelernt. Doch nichts kann den Charme einer Stadt besser vermitteln als Bilder von dort. Also: Scroll dich. Tauch ein. Sei kurz da. Und wenn das nicht reicht. Dann komm!

Altes georgisches Haus mit mediterranen Pflanzen

Der eigenwillige Uhrenturm, der vom hiesigen Marionettenspieler erbaut wurde.

Die Berikaoba-Skulptur ist ein beliebtes Fotomotiv

Graffiti, Graffiti, wohin das Auge blickt. Wunderbar!

 

Der Falke des Königs Wachtang mit erlegtem Fasan aus der Gründungslegende vor den Badehäusern der Stadt.

Auch die ganz kleinen Graffitis haben es mir angetan.

Die engen Gassen der Altstadt sind ein absolutes Must See.

Beliebte Unterkunft junger Backpacker: Fabrika. Gar nicht so billig, aber hipp.

Am Flohmarkt

Nicht Intimissimi-Unterwäsche, nein, die georgische Schrift hat es mir angetan.

Badehaus im iranischen Stil nebst georgischem Haus.

Khachapurito – ähnlich der bekannteren Khachapuri – georgische Flade mit Käse und Gemüse gefüllt.

Georgisch-Orthodoxe Kirche mit prachtvollen Blüten

Das alte Tbilisi – vermutlich um 1900

Ein bissl Georgisch sollte man sich schon merken

Ich mag das Neue auf Altem

Same here

La Opera

Bettelnde Gruppen von Roma sind ebenfalls Teil des Alltags

König Wachtang mit Blick auf die Festung Nakila

Georgier lieben ihren Wein.

Café Leila. Sehr leckeres vegetarisches Restaurant.

Sogar Toiletten sind in Tbilisi einfach nur schön (manche 😉 )

Ich kenne den Piros-Man nicht – vielleicht ist er der georgische Supermann – aber ich mag ihn.

Radfahren in Tbilisi? Warum nicht?

Die alten Badehäuser in der Altstadt sind unbedingt einen Besuch wert.

Kann man von solchen Häusern je genug bekommen?

Phkali. Schwer auszusprechen. Dafür sehr gut auf der Zunge.

Nettes Restaurant in der Altstadt. Café Linville.