Warst du schon einmal in Ladakh? Und wie viele Stanzins hast du dort kennengelernt? Wenn du am Basar von Leh laut Stanzin rufen würdest, würde sich mindestens jede und jeder zweite umdrehen. Richtig gelesen, Stanzin kann ein Name für Frauen als auch für Männer sein. Das macht die Sache auch nicht einfacher! Wir verraten dir ein paar Hintergründe zur Namensgebung in Ladakh, weil’s auch wirklich so ganz anders als bei uns zu Hause ist.

 

Stanzin, Dolma, Tashi, Dorje und all die anderen

Was es mit den Namen in Ladakh auf sich hat

 

Die Chancen, dass dieses Mädchen auch Stanzin heißt, sind sehr groß!

von Daniela Luschin-Wangail

 

Wenn Frauen im Westen schwanger werden, drehen sich die Rädchen im Oberstübchen angestrengt, denn ein schöner, einzigartiger, zum Kind passender und bedeutsamer Name will gefunden werden. Dann mischt sich noch der Kindsvater ein, Listen werden geschrieben, Diskussionen ausgetragen, und mit etwas Glück geben auch noch Großeltern, Geschwister und Freunde ihren Senf dazu. Ganz schlimm auch die Momente, wenn Namen von Freunden, Familienmitgliedern und Bekannten gestohlen werden!

In Ladakh (das gilt übrigens auch für Tibet, Bhutan und Regionen in Nepal mit tibetischstämmiger Bevölkerung) läuft das ganz anders. An Namen wird erst gedacht, wenn das Kind geboren ist und auch nicht unmittelbar nach der Geburt. Bis sie einen Namen bekommen, nennt man sie lele, tsavi, thukchun oder ähnliches, das übersetzt „kleines Kind/Baby“ heißt. Erst nach einer Woche oder auch später wird das Kind zu einem Rinpoche – einem hohen tibetisch-buddhistischem Würdenträger – gebracht (bzw. kann man sich auch einen Namen in Abwesenheit des Kindes holen) und der darf sich dann den Kopf zerbrechen, wie das Kind heißen soll.

 

2 gegebene Namen statt Vor- und Nachname

Der Rinpoche gibt dem Baby zwei Namen. Das kann dann Tsering Dolma, Nyilza Angmo, Stanzin Diskit für Mädchen oder Tashi Wangyal, Sonam Dorjay oder Stanzin Tundup für einen Jungen sein. Wahlmöglichkeiten hat man viele – denn es gibt gleich 3 Töpfe aus denen mal wählen kann: weibliche, männliche und neutrale Namen.

Typische weibliche Namen sind: Dolma, Diskit, Angmo (oder Wangmo), Dolkar, Yangzies, Dechen, Lhamo, Nyilza, Lhadol, Chuskit, Otses

Typische männliche Namen sind: Dorje, Namgyal, Wangyal, Tundup, Phuntsok, Gyaltsan, Angdu, Gyalpo, Gyatso

Neutrale Namen sind: Rigzin, Tashi, Padma, Tsering, Sonam, Jigmet, Tsewang, Sherab, Desal

Der Rinpoche wählt aus diesen Töpfen und kombiniert zwei weibliche (bspw. Dechen Chuskit), zwei männliche (bspw. Dorje Namgyal), einen weiblichen oder männlichen mit einem neutralen (bspw. Sonam Yangzies) oder zwei neutrale Namen (bspw. Sonam Tashi). So entsteht der Name eines neugeborenen Kindes.

 

Warum der Dalai Lama daran „schuld“ ist, dass es so viele Stanzins gibt, erfährst du gleich hier …

Warum aber heißen dann so viele Menschen in Ladakh Stanzin?

Dazu gibt es eine einfache Antwort. Nachdem der Dalai Lama auch für Ladakh einer der höchsten Würdenträger ist, bittet man besonders ihn um einen Namen für sein Kind. Der eigentliche Name des Dalai Lama ist Tenzin Gyatso und aus Gründen, die mir nicht bekannt sind, gibt er immer Namen, die mit seinem 1. Namen beginnen, also Stanzin (bzw. Tenzin – die tibetische Form von Stanzin): Stanzin Tundup, Stanzin Otsal, Stanzin Dolma, Stanzin Desal. Wie man sein Kind dann ruft, ist Geschmackssache. Aus praktischen Gründen ist es bei vom Dalai Lama gegebenen Namen häufig der 2. Name.

 

Wo bleibt da der Familienname?

Einen Familiennamen wie bei uns gibt es nicht. Geschwister und Eltern können alle völlig unterschiedlich heißen. Im Pass und auf anderen Dokumenten stehen die zwei gegebenen Namen, die keine Zuordnung zu einer bestimmten Familie zulassen. Jedoch gibt es – wie auch früher in unseren Breiten – einen Hausnamen, der eine klare(re) Identifizierung zulässt. Wenn sich jemand vorstellt, macht er das dann ungefähr so: „Julley! Mein Name ist Tashi Wangyal aus Khardong aus dem Hause Skitchan.“ Dann weiß man auch mit wem man es zu tun hat.

 

Tashi Wangail aus Khardong, aus dem Hause Skitchan, mit Verwandten und Bekannten aus seinem Heimatdorf

 

Wenn Ladakhi außerhalb ihrer Kultur heiraten …

… dann kann es zu lustigen Anekdoten kommen. So habe ich als Europäerin mit europäischem Namen 2005 einen Ladakhi mit ladakhischem Namen geheiratet. In Europa. Wo man sich entscheiden muss, ob man den Namen des Mannes (oder der Frau), einen Doppelnamen annehmen oder seinen Nachnamen behalten will. Ich habe mich für einen Doppelnamen entschieden und heiße seitdem Luschin-Wangail. Wangail ist der zweite Name meines Mannes, der falsch transkribiert wurde, und eigentlich Wangyal lauten sollte, und ein ganz klar männlicher Name ist. Das führt immer wieder zu Schmunzelattacken, wenn ladakhische Beamte meine Dokumente kontrollieren. Unsere drei Kinder sind glücklicherweise allesamt männlich, denn auch sie führen den 2. Namen ihres Vaters als Familiennamen. Von da her bin ich heute zumindest ansatzweise froh, kein Mädchen bekommen zu  haben.