Bevor ich erzähle warum ich Kirgistan empfehlen kann, liste ich hier mal Gründe für all jene auf, die lieber nicht in dieses Land in Zentralasien reisen sollten.

 

Du solltest lieber nicht nach Kirgistan reisen:

1) wenn du den Komfort eines protzigen 5*-Hotels mit allem Pipapo einer einfachen Jurte ohne fließend Wasser und Plumpsklo vorziehst

Jurten im Aufbau mit Freilicht-Badezimmer

2) wenn du vegan oder vegetarisch lebst, dir bei der Vorstellung Fleisch vom Pferd angefangen bis zum Hammel vorgesetzt zu bekommen übel wird und du kulinarischem Neuland gegenüber generell abgeneigt bist

Fleisch und Wurst von allen möglichen Tieren, am liebsten 3x am Tag, ja, das lieben die Kirgisen.

3) wenn dir jedes Risiko Kopfschmerzen vorursacht und Abenteuerlust ein Fremdwort für dich ist

Passieren kann schnell mal etwas in einem Land, in dem die Infrastruktur – wie zB Straßen – nur streckenweise gut ausgebaut ist. Da muss man schon eine Portion Abenteuerlust mitbringen.

4) wenn du von holprigen Straßen Rückenschmerzen bekommst und/oder dir bei Autofahrten übel wird

5) wenn du für ein striktes Alkoholverbot bist

Obwohl die meisten Kirgisen Muslime sind, ist Alkohol, insbesondere Wodka und die leicht alkoholhältige fermentierte Stutenmilch (Kymyz), ihr erklärtes Lieblingsgetränk.

6) wenn du historische Prunkbauten aus dem 19. Jahrhundert über alles liebst und die oft sehr kühle Einfachheit kommunistischer Architektur absolut häßlich findest

Nicht jedem liegt die oft etwas trist anmutende kommunistische Architektur, die nur langsam durch modernere Gebäude ersetzt wird (die man auch nicht unbedingt schön finden muss)

7) wenn du Angst vor menschenleeren Naturlandschaften hast

… und immer wieder komplett leere Landschaften

8) wenn du eine Pferdehaarallergie hast oder dir die Vierbeiner Angst machen. Sie sind überall.

Selbst auf der Straße ist man immer wieder von Pferden umgeben.

9) wenn du ein Hygiene-Freak bist. Das heißt jetzt nicht, dass die Kirgisen nicht Wert auf Sauberkeit legen, aber teilweise liegt der Standard bspw. in öffentlichen Toiletten oder auch in Restaurant-Toiletten weit unter dem was man im Westen kennt.

10) wenn du es immer schön tropisch warm magst und dir abrupte Temperaturwechsel gar nicht gefallen

Während es in niedrigeren Tälern im Sommer sehr heiß werden kann, kann es bspw. am Song Kul (See) auf 3.000m Höhe auch im Juli und August empfindlich kalt sein.

Treffen hier mehrere Punkte für dich absolut zu, lass es sein. Konntest du mehr oder fast alle Bedingungen verneinen, dann wird auch Kirgistan für dich ein Traumland sein.

 

Warum ich Kirgistan als Reiseland empfehlen kann

Jetzt könnte ich die Punkte, die ich oben angeführt habe, einfach umkehren, mach ich aber nicht ganz und verrat dir einfach und frei von der Leber was Kirgistian für mich so besonders macht:

1. Die nomadische Kultur

Wenngleich die meisten Kirgisten inzwischen mehr Halbnomaden oder Hirten mit nur zweimaljährlichen Ortswechseln sind, so sind sie in ihrem Herzen doch größtenteils richtige Nomaden geblieben: sie sind überaus gastfreundlich und hilfsbereit, sie lieben ihre Freiheit über alles, sie haben kein Problem mit der Einfachheit, die das Nomadenleben mit sich bringt (wer in Jurten oder Waggons lebt, muss mit weniger auskommen), sie spüren eine tiefe Verbundheit mit der Natur und reiten ihre Pferde wie es einst wohl der stolze Dschingis Khan getan hat.

Die Kirgisen sind wie alle nomadischen Kulturen überaus gastfreundlich

2. Die Landschaften

Kirgistan hat nur eine geringe Bevölkerungsdichte, ist es doch zu weiten Teilen einfach nur gebirgig. Somit ergeben sich weite Landstriche, die kaum bewohnt sind. Hier fällt es einem besonders leicht wieder eine Verbindung zur Natur zu finden und sich wieder an seiner Wurzel zu spüren, besonders wenn man die restliche Zeit in großen Städten leben muss. Gleichzeitig kann Kirgistans Natur so ziemlich alles, es gibt schweizerisch anmutende Alpinlandschaften, trocken-karge Hochgebirgswüsten, schneebedeckte Bergriesen, mediterrane Gegenden, die an die italienische Toskana erinnern, an denen man aber die Weinanbauflächen vermisst und Seen und Flußlandschaften, mal klein, mal groß, mal eisig kalt, mal badefreundlich warm.

Surreal schöne Flußlandschaft am aufgestauten Naryn-Fluß

3. Wanderbares Kirgistan

Klar, wenn eine Landschaft größtenteils aus Gebirge besteht, liegt es nahe, dass man dort auch auf seine Kosten kommt, wenn man gerne zu Fuß unterwegs ist. Das Wunderbare an Kirgistan ist aber auch die Tatsache, dass das Wandern abseits der zwei größeren Trekkingrouten auch noch ganz wenige TouristInnen für sich entdeckt haben und damit ist man oft tagelang alleine unterwegs und trifft maximal auf Hirten, ihre Herden und die Tiere der Bergwelt Kirgistans.

Auch wenn es hier ganz nach Österreich oder der Schweiz aussieht, das ist auch Kirgistan.

4. Kommunistisches Flair und Ruinenatmosphäre

Ja, es liegt nicht jedem, aber ich persönlich interessiere mich sehr für die Geschichte der Sowjetunion. Nicht, weil ich kommunistisch bin, einfach weil ich das Leben in der Sowjetunion, deren Visionen, Pläne und alle Konsequenzen, die die Menschen daraus ziehen mussten, total spannend finde. Nicht weniger spannend natürlich auch, wie dieser Wechsel vom Kommunismus zur freien Marktwirtschaft die Menschen und ihre Kultur verändert hat. Ich mag auch das Nebeneinander der alten kommunistischen Bauten und modernen meist schnell hochgezogenen Betongebäude. Und als Fan von Ruinen komme ich in Kirgistan auch ganz gut auf meine Kosten, denn nicht mehr genutzte Bauten findet man allerorts. Meist sind diese auch nicht abgesperrt und man kann diese ganz gut erkunden.

Am alten Hafengelände von Balyktschy am Issy Kul rosten Kräne und Boote aus der Sowjetzeit langsam vor sich hin.

5. Tourismus als Hoffnung

Kirgistan ist eines der ärmsten Stan-Länder (neben Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan und Tadschikistan), weil es kaum über eine nennenswerte Industrie oder große Rohstoffvorkommen verfügt. Der Großteil der Bevölkerung lebt von der Viehwirtschaft. Als Kirgistan noch Teil der Sowjetunion war, wurden große Mengen an Fleisch und Milchprodukte exportiert, doch mit dem Fall der Sowjetunion ist die Nachfrage danach gesunken und Kirgistan setzt seitdem verstärkt auf den Tourismus als große Chance. Bei aller Kritik am Tourismus, ist es gerade für ein wirtschaftlich schwaches Land wie Kirgistan eine großartige Möglichkeit sich hier aus der wirtschaftlichen Misere zu befreien, besonders wenn man sich auf nachhaltigen und fairen Tourismus konzentriert. Damit darf man auch guten Gewissens in dieses tolle Land reisen.

Die Viehwirtschaft ist der wichtigste Pfeiler der kirgisischen Wirtschaft. Noch.

6. Es gibt viel zu tun: Reiten, Wandern, Bergsteigen, Rafting, Schwimmen … Kökbörü

Langweilig wird einem nicht so schnell in Kirgistan. Es gibt nämlich viel zu tun. Wo Berge sind, kann gewandert werden, den einen oder anderen kann man auch besteigen, viele Flüße eignen sich zum Raften oder Kanu fahren, der angenehm warme und größte See Kirgistans, der Issyk Kul, ist ein wunderbarer Badesee und die unzähligen Pferde laden ein auf ihrem Rücken das Land zu erkunden. Wem das alles noch zu langweilig ist, der kann auch mit toten Ziegen den Nationalsport Kökbörü spielen. Lies hierzu einen eigenen Blogbeitrag.

Beim Kökbörü, einer Pferdesportart bei der man mit einer toten Ziege spielt

7. Ein Land großer Geschichten und starker Frauen und Männer

Die Kirgisen sind große Geschichtenerzähler, sie lieben ihre Legenden und kaum ein Ort, der nicht von Helden und HeldInnen erzählt, die auf mehr oder minder mystische Weise Kirgistan und seine Menschen geformt haben. Der Nationalheld Mannas ist omnipräsent, kaum ein Ort der keine Statue des historisch nicht belegten Mannes hat, der die kirgisischen Stämme einst geeint haben soll. Ihm zu Ehren ist das weltweit längste Epos entstanden, das über Jahrhunderte mündich überliefert und erst kürzlich verschriftlich wurde. Dein Guide kann dir aber nicht nur Geschichten aus dem Leben des Nationalhelden, sondern auch viele andere – oft verbunden mit dem vorislamischen animistischem Naturglauben – erzählen. Frag ihn einfach danach.

Kotschumgul ist ein weiterer Held der Kirgisen, er soll über 2m groß gewesen sein und war imstande sogar sein eigenes Pferd zu tragen.

Diese und viele andere Gründe sind es, warum ich Kirgistan zu den größten Reiseerlebnissen unserer Zeit zähle. Wenn du nun Lust darauf bekommen hast es zu entdecken, schreib mir einfach, ich verrate dir gerne mehr oder bastle mit dir an deinem Reiseplan für Kirgistan: daniela@gesar-travel.com




Verdammt! Der Blick aus dem Fenster nach dem Aufstehen hat dem Himmel entsprechend trübe gestimmt. Es regnet! Und das genau an dem Tag an dem wir dringend, wirklich dringend, gutes Wetter brauchen würden. Denn am Programm steht der Vashlovani Nationalpark in Kachetien, dessen Jeeppisten bei Regen nicht nur schnell verschlammt sondern richtiggehend unter Wasser stehen. Dabei hatte ich gestern noch insbrünstig gen Himmel geschrien und den Wettergott angefleht der eh schon schlechten Wettervorhersage einen Strich durch die Rechnung zu machen.

Die miese Wetterlaune steigt beim Frühstück zum Glück. Bei dem Anblick absolut verständlich. Nicht wahr? (Das Foto entstand bevor noch weitere Köstlichkeiten serviert wurden.)

Vashlovani Nationalpark und Sowjet-Militärflughafen

Erfahrungsbericht von Daniela Luschin-Wangail

 

… und was ist passiert? Beim Losfahren ist der Regen versiegt und bis wir im Nationalpark ankommen, sind so gut wie alle Wege wieder halbwegs trocken und damit gut befahrbar. High Five gen Himmel! Danke, werter Wettergott! Schon am Weg zum Vashlovani Nationalpark ändern sich die Landschaften rasant. Anfangs toskanaähnlich, dann wieder weit und steppengleich, es folgen Hügel und schließlich mehr oder weniger bare Felslandschaften, mal Sandgestein, mal andere Steinformationen, die einer Geologie-Laiin wie mir nichts sagen. Mit von der Partie sind nicht nur unser Geschäftspartner für Georgien, Zviad, sondern auch ein lokaler Guide namens Giorgi, ein immer-fröhlicher junger Mann, der ganz offensichtlich nicht nur alle Wege des überaus verwirrenden Jeep-Pisten-Netzes, sondern auch alle Pflanzen und Tiere des Nationalparks zu kennen scheint. Menschen treffen wir hier kaum, nur einige Ranger. Dafür aber unzählige Landschildkröten, die wir wiederholt von der Straße an den Rand heben müssen, damit wir sie mit unserem schweren SUV nicht zerquetschen.

Neben den langsamen Reptilien gibts aber auch flottere: Echsen und Schlangen. Die Levanteotter und die Sandboa sind die bekanntesten. Größere einheimische Tiere sind Gazellen, Goldschakale, Wölfe, Rohrkatzen und Braunbären. Es gibt sogar Sichtungen von Leoparden, aber sehr sehr wenige. Die Gazellen wurden während der Sowjetzeit so erfolgreich gejagt, dass sie bis vor der Wiedereinführung vor ein paar Jahren hier gänzlich ausgestorben waren.

Ich mag die Eintönigkeit von weiten Ebenen. Doch schon bald ändert sich die Landschaft gravierend.

Man erinnert sich zeitenweise in die Kulisse von Winnetou-Filmen versetzt.

Über Jahrhunderte waren georgische Wachleute an den Bergketten stationiert, um durchziehende Karawanen zu erkennen und Zölle für ihre Waren abzukassieren.

… und schon wieder eine komplett andere Landschaft. Sanft geschwungene Hügel mit wilden Pistazien-, Wacholder- und Granatapfelbäumen.

Die Russen haben im Vashlovani-Nationalpark Yuccapalmen im großen Stil angebaut. Heute wachsen sie noch immer, genutzt werden sie aber nicht mehr.

Und hinten am Horizont liegt schon Aserbaidschan.

Faltiges Minigebirge übersät von kleinen Baumtupfen.

Hier muss man einfach Panorama-Bilder schießen.

Wir haben die Schildkröte beim Trinken über Minuten beobachtet und festgestellt, dass die Tiere nicht nur beim Gehen sondern auch beim Wassernehmen überaus langsam sind. Ich könnte dem Leser jetzt auch erzählen, dass das oben kein Foto sondern ein Video ist. Ein Unterschied wäre nicht zu erkennen.

… und dann ein Kontrast, der größer nicht sein könnte

Am Weg zurück halten wir auf der Ebene von Shiraki. Was ich aus der Ferne als großes Dorf wahrgenommen habe, stellt sich beim Näherkommen als riesiger Militärflughafen raus. Seit der Unabhängigkeit Georgiens ist er nicht mehr in Betrieb, soll aber einst der größte Militärflughafen der Sowjetunion gewesen sein. Eine riesige brach liegende Landebahn wird von zig, wenn nicht Hunderten Hangars gesäumt, die von oben nicht wahrgenommen werden, weil sie mit Erde bedeckt wurden und somit von Gras überwachsen sind.

Ich hab mir das natürlich gleich auf Google Maps anschauen müssen, aber die Russen haben wohl extra eine Wolkendecke vorgeschoben, damit man nicht zuviel davon zu sehen bekommt! Die Landebahn und das Straßennetz mit Verbindungen zu den einzelnen Hangars kann man trotzdem gut erkennen.

Bis auf ein Flugzeug haben die Russen alles mitgenommen als sie abziehen mussten. Die Bewohner der umliegenden Dörfer haben nicht nur das Flugzeug gründlich geplündert, sondern auch die unzähligen Gebäude auf dem Areal, von denen kein einziges mehr Fenster oder Türen, geschweige denn irgendein Interior hat. Sie nutzen sie dafür gelegentlich als Stallungen für ihre Tiere.

Die Hangars (ja, das ist tatsächlich die Mehrzahl von Hangar, ich habe es geprüft) werden von den Dorfbewohnern heute als Lager für ihre Ernte genutzt.

Giorgi erzählt uns noch, dass unter dem Flughafen unterirdische Bürogebäude angelegt und angeblich radioaktive Materialien eingelagert wurden. Der Zutritt ist deswegen verboten und der Zugang verbarrikadiert.

 

Hangar von vorne

Am Ende des Tages weiß ich gar nicht, was ich spannender finde: den wirklich wunderbaren Nationalpark Vashlovani oder die derbe Schönheit der Überreste aus einer vergangenen Ära. In jedem Fall ist der Kontrast zwischen diesen beiden Höhepunkten kaum zu übertreffen und eine Kombination für sich, die ich jederzeit wieder machen würde.

Der Regen hat übrigens erst kurz vor Eintreffen beim Hotel wieder eingesetzt. Das hab ich also ziemlich gut ausgehandelt.