Nachdem der gestrige Tag alles andere als nach Plan verlaufen ist (zum Blogbeitrag: Nein, das ist nicht Stepantsminda) und ich, nachdem auch am heutigen Morgen die Passstraße nach Stepantsminda gesperrt blieb, meine Träume den 5.000er Kazbeg zu sehen für diese Reise final begraben habe, ist der heutige spontan geplante Tag so verlaufen, wie er besser nicht sein könnte. Das Wetter klarte nach und nach auf und endlich endlich durften wir auch etwas länger wandern. Und soviel Neues entdecken.

Ananuri ist eine Burg in in der Nähe des gleichnamigen Dorfes in Mzcheta-Mtianeti an der Georgischen Heerstraße. Sie stammt aus dem Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit, ihre ältesten Teile werden ins 13. Jahrhundert datiert.

Ein Traumtagerl wie aus einem Reisemärchen

Reisebericht von Daniela Luschin-Wangail

Ja, ich hatte mich schon abgefunden, dass es nichts mit dem ursprünglichen Plan nach Stepantsminda zu fahren wird. Gut, also das Beste daraus machen. Wir beschließen nach Tskaltubo im Westen Georgien zu fahren und unterwegs so viel wie möglich zu entdecken. Den Anfang macht die selbst im noch regnerischen Trübsal des Morgens pittoreske Burg Ananuri, von der aus man das Aragwi-Tal gut überblicken kann und in dessen nicht TÜV-geprüften und speziell gesicherten Wachtürmen man herumkraxeln darf.

Fresko aus der Kirche der Burg Ananuri mit schaurigen Höllendarstellungen

Blick auf den Kirchturm und das dahinterliegende Aragwi-Tal

Bissl trüb, aber dennoch ganz schön anzuschauen

Und weiter geht es Richtung Tbilisi in die Stadt Mchzeta bzw. darüber hinaus ins Kircherl Jvari aus dem 6. Jahrhundert. Dort tummeln sich massig viele Touristen aus aller Welt, ein buntes Sprachengewirr zerreisst die Ruhe, die wir sonst bisher in Georgien erleben durften. Zirka 95% aller Gäste schießen das genau selbe Fotomotiv. Ich auch. Eh klar. Den Zusammenfluss des Aragwi mit dem Mtkwari, der von hier oben wirklich traumhaft anzuschauen ist. Hochgerechnet dürfte dieses Motiv wohl bereits millionenfach festgehalten worden sein.

Tatataaaa, mein Exemplar!

Der Name Jvari wird mit „Kreuzkloster“ übersetzt, was darauf zurückzuführen ist, dass die in Georgien hochverehrte Heilige Nino (ja, hier ist das ein Frauenname!) hier oben ein Kreuz hinterlassen haben soll, das nunmehr in der Kathedrale des Klosters steht.

  In die Geburtsstadt Stalins

Weiter geht es Richtung Westen bis in die Geburtsstadt Stalins, nach Gori. Zviad, unser Partner für Georgien, und ich scherzen, dass Georgien und Österreich einiges gemeinsam haben. Unter anderem auch, dass beide Länder Diktatoren hervorgebracht haben, die dann ins Nachbarland exportiert wurden, wo sie ihren Siegeszug angetreten haben. Trotzdem sind beide Länder ihre Monster nicht losgeworden. Nichts worauf wir stolz wären. Einfach nur eine interessante Parallele. Das Stalin-Museum in Gori, das beim Haus erichtet wurde, in dem der 1878 als Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili geborene Josef Stalin aufgewachsen ist, heben wir uns für Sonntag auf, wo wir nochmals durch die Stadt müssen, weil wir nämlich viel viel lieber raus in die Natur wollen, wo der Regen versiegt ist und der Himmel sich geklart hat.

Wir fahren in ein kleines Dorf unweit von Gori bis ans Ende der Straße und besuchen ein Weingut.

Von hier aus starten wir eine ausgiebige Wanderung hinauf in die Berge. Endlich!

Der Aufstieg hat sich gelohnt. Ein wunderbarer Rundumblick und ein ruhiges schönes Platzerl zum tief Luftholen.

Hier ließe es sich gut und gerne ein paar Tage aushalten. Mit dem Besitzer des Weinguts wurden ein paar interessante Wanderrouten besprochen, die wir gerne auch in dein Programm einbauen können.

Das Dorf und die Wanderung dort waren definitiv mein absoluter bisheriger Höhepunkt dieser Georgien-Reise, auch wenn es dort eigentlich recht unspektakulär ist. Aber Reisen sind für mich immer auch ein Runterkommen und Sichwiedererden und das geht meiner Meinung nach immer dort am besten, wo am wenigsten Trubel ist, an den Coldspots – im Gegensatz zu den touristischen Hotspots – wo man ein Land und seine Natur authentisch erleben darf. Wandern ist immer wieder eine effiziente Methode den Käse des Alltags einfach mal verschimmeln zu lassen. Nachdem ich mir meine Füße heute wieder mal gescheit vertreten durfte, ist mein Endorphin-Level heute endlich wieder gscheit hoch und ist gleich danach noch höher angestiegen.

Schon vor einigen Tagen hatte ich Zviad gebeten mich dorthin zu führen, wo auch ein durchschnittlicher Georgier wirklich gerne isst. Kein fancy Schicki-Micki-Restaurant bitte! Auf meinen vergangenen Reisen habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es das beste Essen eines Landes in einfachen Straßen-Raststätten gibt, da wo die Lastwagenfahrer und die Durchreisenden Pause machen und Frauen oder Männer aus dem Dorf genau das Essen zubereiten, das sie auch zu Hause auftischen würden.

Ich lande am Ende an einer Raststätte, die Zviad schon seit seiner Kindheit von Autofahrten kennt und von der er bis heute schwärmt. Und tatsächlich. Ein Traum. Ich esse zwar drei Gerichte, von denen ich bis jetzt keine Ahnung habe, was es war, weil Zviad mir die Gemüse nicht ins Englische übersetzen konnte und ich weder visuell noch geschmacklich ausmachen konnte, worum es sich handelte, aber es war hervorragend.

Das Setting des Restaurants ist ungewöhnlich. Man isst dort in kleinen Hütten, in denen jeweils ein Tisch mit Sesseln und einem Metallofen stehen. Der Kellner kommt, nimmt die Bestellung auf, schließt die Tür, bringt ein paar Minuten später das Essen und verabschiedet sich wieder. Zumindest muss man sich in solche Separées keine Gedanken um Tischmanieren machen.

Sofort wieder würde ich hierher pilgern, nur um mir den Bauch richtig vollzuschlagen.

Wenngleich der Tag Kur genug für mich war, endet er in der ehemaligen Sowjet-Kurstadt Tskaltubo, in der sich sogar Stalin vom Diktatoren-Stress erholt haben soll. Wir nächtigen in einem einstigen Sanatorium, das vor ein paar Jahren in ein Hotel umfunktioniert wurde, während die meisten anderen Sanatorien zwischenzeitlich dem Verfall preisgegeben sind. Die stehen morgen am Programm. Und einiges mehr.