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Generell
ist zu sagen, dass die ladakhische Kultur nicht einfach
als tibetischer Ableger definiert werden kann. Martin Brauen
meint dazu in seinem Buch "Feste in Ladakh" (1980),
dass die ladakhische Kultur "...nicht einfach tibetisch'
ist. Die ladakhische Kultur wurde nicht nur von Tibet, sondern
auch von Ethnien, die westlich von Ladakh liegen, geprägt."
||Sprache||
Von
der überwiegenden Bevölkerung wird Ladakhi als
Muttersprache gesprochen. Ladakhi ist eine tibeto-birmanische
Sprache der tibetischen Sprachfamilien, die große
Ähnlichkeiten mit der Grammatik des Tibetischen aufweist
und die selbe Schrift verwendet. Viele Ladakhis bezeichnen
ihre Sprache stolz als das "authentische" Tibetische,
das in den Frühzeiten Tibets in Lhasa gesprochen wurde.
Erst seit wenigen Jahren gibt es Versuche das Ladakhi auch
in schriftlicher Form einzuführen, buddhistische Texte,
die einzige Literatur in Ladakh, und sonstige Aufzeichnungen
wurden in Tibetisch verfasst.
Neben Ladakhi werden Urdu, sowie "shina" und "dardi"
Dialekte aus der Familie der indo-arischen Sprachen gesprochen.
An den Schulen wird hauptsächlich Urdu, Hindi wie auch
Englisch unterrichtet. Ladakhi selbst kommt an den Schulen
leider eine untergeordnete Stellung zu.
||Soziale
Stratifikation||
Die
ladakhische Bevölkerung unterteilt sich in vier Schichten:
1.
rgyal rigs: die Schicht der Königsfamilien
2. sku drags bzw. rigs ldan: die Schicht der Noblen
3. mi dmangs, dmangs rigs bzw. dmangs phal: die Schicht
der "Gewöhnli-chen"
4. rigs ngan: die Schicht der "Niedrigen"
Die
rgyal rigs und die sku drags werden von den Ladakhis als
"higher caste" bezeichnet. Zu den rgyal rigs gehören
die mit den Königen (rgyal po) und Fürsten (jo)
verwandten Familien. Sku drags ist die Schicht der Aristokraten,
zu denen man die Mitglieder der Familien der Premierminister
(bka' blon) und der Ministerberater (blon po) zählt.
Die bka' blon hatten nach der Absetzung des rgyal po während
der Dogra Dynastie die wichtigste Position innerhalb Ladakhs
inne. Wenngleich die "higher caste" keine politische
Macht mehr besitzt, spielt sie bis heute eine wichtige soziale
als auch ökonomische Rolle in der Gesellschaft Ladakhs.
Neben den eben besprochenen Schichten innerhalb der Schicht
der rgyal rigs und sku drags gibt es noch diverseste Subschichten,
die hier aber zu weit führen würden.
||up||
Der
Schicht der "middle caste" oder dmangs rigs macht
den größten Teil der Bevöl-kerung aus. Dazu
zählen hauptsächlich die Bauern.
Die
rigs ngan sind die sogenannten "low castes". Sind
rigs ngan in einem höher-kastigem Haus eingeladen haben
diese am Boden und am nächsten zur Tür zu sitzen.
Essen und Getränke wird ihren in Extra-Geschirr gereicht.
Die Trennung zwischen rigs ngan und dmangs rigs ist bei
weitem schärfer als zwischen letzteren und den "higher
castes". Diese Striktheit beruht auf der Idee, dass
die "low castes" unrein seien. Kontakt mit rigs
ngan wird nach Möglichkeit vermieden. Niemand würde
Essen oder Getränke zu sich nehmen, das von ihnen oder
in ihren Gefässen zubereitet wurde. Kein Zugehöriger
der "middle" oder "high caste" würde
je in ihren Betten schlafen, ihre Kleidung tragen, geschweige
denn sexuelle Beziehungen mit ihnen eingehen. Rigs ngan
ist auch der Eintritt in Klöster verwehrt.
Innerhalb
der rigs ngan unterscheidet man zwischen drei hierarchisch
geordneten Gruppen. Diese drei Gruppen meiden den Kontakt
untereinander genauso wie die anderen sie vermeiden. Jede
dieser Gruppen ist strikt endogam. Sie heißen (in
hierarchischer Reihenfolge von hoch bis niedrig) mgar ba,
Mon und Beda. Früher übten die Mitglieder dieser
Gruppen spezifische, nur ihnen eigene Berufe aus. Die Beda
waren Bettelmusikanten, die die da man, eine Trommel, bei
ladakhischen Festen wie zB Hochzeiten gegen Entgelt und/oder
Speis und Trank gespielt haben. Die Mon, die als die ursprünglichen
Bewohner Ladakhs bezeichnet werden15, waren Schreiner und
auch Musikanten, die die sur na, eine Flöte, gespielt
haben. Bei der Profession der mgar ba handelte es sich um
die Schmiedekunst. Heute jedoch besitzen etliche Mitglieder
der "low castes" auch Land und üben Berufe
aus, die auch von den anderen Schichten ausgeübt werden.
Generell kann gesagt werden, dass die Kastenunterschiede
sind langsam aufheben. In ländlichen Gegenden spielt
sie zwar noch eine Rolle - in Leh selbst keine mehr.
||up||
Ein
Aufstieg in eine höhere Schicht bleibt den rigs ngan
jedoch verwehrt. Auch dann nicht, wenn sie eine angesehene
berufliche Stellung inne haben oder eine Ehe mit einem Mitglied
der dmangs rigs eingehen, was ohnehin sehr selten vorkommt.
Wenn eine solche Ehe zustande kommt, verliert das Mitglied
der dmangs rigs seine höhere soziale Stellung. Ehen
zwischen dmangs rigs und Mitgliedern der "higher caste"
haben indes nicht derartige Folgen. Nach Auskünften
meiner Informanten kommen inter-marriages dieser Art relativ
häufig vor. Wenn zB eine dmangs rigs - Frau einen rgyal
rigs - Mann heiratet, erhält sie den Status ihres Ehemannes.
Umgekehrt, wenn also ein dmangs rigs - Mann eine rgyal rigs
- Frau heiratet, bleiben beide in ihrer angestammten so-zialen
Schicht. Der Mann behält in beiden Fällen seine
ursprüngliche soziale Schichtzugehörigkeit, während
die Frau nur im Fall einer hypergamen Eheschließung
die Schicht wechselt.
||pha spun und chos spun - Kultische
Korporationen||
pha
spun
Nach Martin Brauen handelt es sich bei pha spun um eine
kultische Korporation. Er versteht darunter, "...Angehörige
einiger mehr oder weniger nahe beieinander befindlicher
Haushalte, die durch bestimmte reziproke Rechte und Pflichten,
... , durch die Verehrung eines gemeinsamen Schutzgottes
(pha lha) und den Besitz eines gemeinsamen Leichenverbrennungsofen
(spur khang) eine Gruppe bilden."
Eine
Mitgliedschaft zum pha spun wird auf sämtliche Kinder,
Söhne wie Töchter, vererbt, im Fall einer mag
pa-Ehe von der Mutter, im Fall einer pag ma-Ehe vom Vater,
und ist lebenslang, es sei denn ein/e Angehörige/r
heiratet in einen anderen Haushalt ein. Wenn eine Person
in einen neuen Haushalt einheiratet, wird diese automatisch
Mitglied des neuen Haushalts.
Aufgrund
der vermehrten Aufspaltung von Familien durch Landflucht,
neue Haushaltsgründungen außerhalb des Ortes
der Familie usw. verliert der phas pun langsam an Bedeutung.
Wenn die Mitglieder eines pha spun zu weit voneinander entfernt
leben, können sie logischerweise nicht immer ihren
Pflichten nachkommen.
||up||
chos spun
"Die chos spun-Beziehung ist (...) eine Beziehung zwischen
einzelnen Individuen, nicht aber zwischen Gruppen von Menschen,
beziehungsweise Menschen." (Martin Brauen, 1980)
Jedermann/frau
kann - abgesehen von Mitgliedern der niedrigsten Schicht
rigs ngan - einen oder mehrere Religionsgeschwister bekommen.
Diese lebenslange Verbindung ist gleichgestellt mit einer
Blutsverwandtschaft, dh eine sexuelle Beziehung mit einer
solchen Religonsschwester/einem Religionsbruder käme
einem Inzest gleich und es ist daher Religionsgeschwistern
nicht erlaubt sich zu verheiraten.
||Rus
und khrag - Zum ladakhischen Verwandtschaftssystem||
Nach
der Auffassung der tibetischen Heilkunde glauben die Ladakhis,
dass ein Kind aus zwei Elementen besteht: aus Knochen (rus),
das es vom Vater erhält, und Blut (khrag), das ihm
von der Mutter gegeben wird. Seine soziale Identität
erhält es jedoch im Falle einer patrilokalen (Frau
zieht in den Haushalt des Mannes) Heirat vom Vater, im Falle
einer matrilokalen (Mann zieht in den Haushalt der Frau)
von der Mutter.
Was
das Erbrecht angeht, so ist es traditionell so, dass der
Besitz ungeteilt an die nächste Generation übergeht.
Dh der Besitz wird nicht an alle Kinder aufgeteilt. Üblicherweise
ist es so, dass nur der älteste Sohn Land und Besitz
erbt. Was natürlich für die Leerausgehenden schlimm
ist, machte dennoch in diesem harten Lebensraum Sinn. Land
ist rar und wenn er von Generation zu Generation geteilt
wird, bleibt schon nach kurzer Zeit nichts mehr übrig.
In
den 40igern Jahren des 20. Jahrhunderts wurde jedoch ein
Gesetz erlassen, dass diese alleinige Erbrecht für
den ältesten Sohn (oder in Ausnahmefällen für
die älteste Tochter) verbietet. Nach dem Hindu Succession
Act haben fortan alle Söhne (es spricht nicht von Töchtern)
das Recht auf einen Erbteil. Nachdem auch die Polyandrie
gesetzliche verboten wurde (siehe weiter unten), führt
dies über kurz oder lang zu einer extremen Fragmentierung
der Ländereien und bei gleichzeitiger Bevökerungszunahme
ist es - wahrscheinlich heute schon - nicht möglich
sämtliche EinwohnerInnen allein mit dem Ernteertrag
zu ernähren. Trotz dieses Gesetzeserlass werden die
sozialen und religiösen Pflichten weiterhin an den
ältesten Sohn übergeben.
||up||
||Heirat||
Theoretisch
sind Heiraten zwischen Verwandten bis zum 7. Verwandtschaftsgrad
(bdun mi rabs) verboten. Es kann jedoch durchaus vorkommen,
dass in der Praxis doch Ehen innerhalb des 7. Verwandtschaftsgrades
geschlossen werden. Wenn dann sind es aber Verwandtschaftsverbindungen
über die Mutter.
Meistens
wird innerhalb der eigenen Religionsgemeinschaft geheiratet.
Es gibt aber etliche frühere Quellen, die belegen,
dass es früher immer wieder interreligiöse Eheschließungen
gab. Weiters werden Ehen innerhalb der eigenen sozialen
Schicht präferiert. Außerdem dürfen keine
Heiraten zwischen "Religionsgeschwistern" (chos
spun) und Mitgliedern desselben pha spun geschlossen werden.
Traditionell
war es entscheidend für eine Eheschließung ob
die materielle Basis der neuen Familie gesichert war. Aufgrund
der überwiegenden Rolle der Landwirtschaft im Leben
der Ladakhis orientierte sich die gesamte Familie im Falle
eines Arrangements einer Ehe an der Sicherung des Einkommens
aus der Agrarwirtschaft. Gegenwärtig verliert dies
immer mehr an Bedeutung, da die Landwirtschaft nur noch
eine von vielen Einkunftsmöglichkeiten darstellt.
Die
Initiative zu einer Heirat geht normalerweise von der Familie
aus, in die eingeheiratet werden soll, meist also die Familie
des Bräutigams. Bei der Suche des geeignetesten Partner
spielen vor allem der soziale Status, die Religiosität,
der Reichtum, der Arbeitswille und das Verhalten der KandidatInnen
eine Rolle.
||up||
In
der Gegenwart gewinnt die Liebesheirat an Bedeutung. Aufgrund
diverser Entwicklungen, wie zB das Entstehen neuer Einkommensquellen
und ein dadurch von der Familie unabhängigeren Lebensstil,
werden immer mehr Liebesheiraten geschlossen. Eine Liebesheirat
hat zwei Dimensionen. Einerseits kann sie gegen den Willen
der Eltern geschlossen werden. Andererseits, und das ist
in den meisten Fällen so, wird im Fall eines Entschlusses
aus Liebe zu heiraten, das gleiche Prozedere durchgegangen
wie bei einer traditionellen arrangierten Eheschließung.
Zweiteres wird in jedem Fall bevorzugt, da dadurch die Ehe
bei Problemen auf die Hilfe der Verwandten beider Seiten
hoffen kann. Wird eine Liebesheirat gegen den Willen der
Eltern vollzogen, kann es unter Umständen schnell zu
einem Bruch kommen, da eine Unterstützung von den Verwandten
der beiden Eheleute in Krisenzeiten verweigert wird.
Liebe
wird in Ladakh als etwas Privates, absolut nicht für
die Öffentlichkeit bestimmt, betrachtet. Dass sie dennoch
häufig thematisiert wird, zeigt sich auch an der Popularität
von Liebesliedern, die jedoch nie öffentlich zum Besten
gegeben werden dürfen. (Anders verhält es sich
mit neueren modernen Liedern!).
Wenn
sich geeignete Partner gefunden haben, werden die Geburtsdaten
der beiden von einem Astrologen (onpo) verglichen und auf
ihre Zukunft geprüft. Wenn das Ergebnis zufriedenstellend
ausfällt, beauftragen die Eltern des Bräutigams
Verwandte, die Eltern der gewünschten Braut aufzusuchen,
um mit ihnen die beabsichtigten Pläne zu besprechen.
Die
Hochzeit selbst ist ein System an komplizierten und langwierigen
Ritualen und Formalitäten und werden hier nicht näher
besprochen. (Wer sich dafür interessiert soll das Buch
von Martin Brauen "Feste in Ladakh" lesen)
||up||
||Eheformen||
Jede
Person in Ladakh gehört zu einem bestimmten Haushalt,
dessen Namen sie zusätzlich zu den zwei nach der Geburt
gegebenen Namen als weitere Identifikation trägt. ZB
heißt eine Person Tashi Wangyal Skidpachan so meint
dies: Tashi Wangyal aus dem Hause Skidpachan.
Wenn
geheiratet wird, kann das Ehepaar virilokal, also im Haushalt
der Eltern des Mannes, oder uxorilokal, also im Haushalt
der Eltern der Frau leben. Im Falle einer Virilokalität
nennt man diese Ehe bag ma-Ehe, das sind ca. 60 - 70 % aller
geschlossenen Ehen, umgekehrt - also in 30 - 40 % aller
Fälle, nennt man das mag pa-Ehe. Traditionell hat nur
ein einziges Kind eines Haushaltes die Chance in seinen
Haushalt zu heiraten. Gelegentlich, wenn das Elternhaus
genügend Land zur Verfügung hat, kann auch einem
zweiten Kind diese Chance gegeben werden. In diesem Fall
kommt es meist zu einer Neolokalität - ein Teil des
Landes wird abgespalten und ein neuer Haushalt gegründet.
Die restlichen Kinder übernehmen religiöse Funktionen,
werden also Mönche oder Nonnen, bzw. bleiben Single.
Normalerweise verheiraten die Eltern den ersten Sohn, ob
es nun eine ältere Tochter gibt oder nicht. In der
Praxis ist das aber nicht immer möglich, weil es evtentuell
gar keinen Sohn gibt, oder der Altersunterschied zw. Töchtern
und Söhnen zu gross ist. In diesem Fall kommt es zu
einer mag pa-Ehe. In einer mag pa-Ehe kommt es dann dazu,
dass nicht der Mann, sondern die Frau das Amt des Familienvorstandes
mit all seinen Rechten und Pflichten übernimmt, und
damit eine bessere Position hat, als sie dies im Falle einer
virilokalen Ehe hätte.
Im
Fall einer bag ma-Ehe haben jüngere Söhne auch
noch die Möglichkeit im angestammten Haushalt (khang
chen) zu bleiben, und teilten sich somit die Ehefrau mit
ihrem ältesten Bruder. Die anderen Familienmitglieder,
wie die Eltern und Großeltern, als auch unverheiratete
Schwestern spalten sich oft, aber nicht immer, vom khang
chen ab und ziehen in ein kleineres Haus (khang ngu, khang
bu, khang chung), dem ein kleiner Teil des Landes zugeteilt
wird.
Der
Regelfall heute sind monogame Ehen. Wie bereits oben angedeutet
wurde, können aber mag pa und bag ma - Ehen auch polygam
sein. Häufiger kommt dies aber bei bag ma-Ehen vor.
Dabei würde es sich dann um eine polyandrische Ehe,
genauer gesagt eine fraternale polyandrische Ehe handeln.
Zu
polygynen Ehen kommt es weitaus seltener. Dies kann vorkommen,
wenn eine Frau unfruchtbar ist, dh in diesem Fall wird dann
eine unverheiratete jüngere Schwester in die Ehe mitaufgenommen.
Einer der ersten Reisenden nach Ladakh, Alexander Cunningham,
meinte, dass polyandrische Ehen eher in ärmeren Familien
vorkämen, während polygyne Ehen eher in reicheren
Familien zu finden seien. Er begründete dies damit,
dass eine arme Familie wenig Land zur Verfügung habe,
das unproduktiv sei, und damit könne man eine große
Familie (mehr Frauen heißt mehr Nachwuchs) nicht ernähren.
Während dies in einer reichen Familie mit viel Land
natürlich kein Problem sei.
||up||
||Polyandrie||
Die
Polyandrie ist eine Form der Polygamie, bei der mehrere
Männer mit einer Frau verheiratet sind. Weltweit gesehen
ist die Polyandrie sehr rar. Man findet sie vor allem noch
unter der tibetischen Bevölkerung der Himalayaländer
und bei einigen hinduistischen Gesellschaften; außerdem
noch in Sri Lanka und Kerala. Außerhalb des asiatischen
Kontinents war die Polyandrie noch bei den Shoshone in Nordamerika
verbreitet.
Die
Polyandrie ist eine der praktizierten Heiratsformen in Ladakh.
Ein offizielles Aus für die Polyandrie gab es durch
den Buddhist Polyandrious Marriage Prohibition Act im Jahre
1941. Gleichzeitig wurde noch ein Gesetz erlassen, das das
Erbrecht dahingehend geändert hat, dass nicht nur der
älteste Sohn als Alleinerbe gelten darf. Derartige
Eheschließungen wurde zwar dadurch eingeschränkt,
polyandrische Ehen gibt es aber auch heute noch. Crook spricht
davon, dass im Jahre 1981 16 % der Eheschließungen
in Leh noch polyandrisch waren, während es im Jahre
1938 noch 63 % waren. Generell kann man sagen, dass es schwierig
ist, diesbezüglich genaue Zahlen zu fassen, da es nach
außen hin nicht ersichtlich ist, ob denn nun eine
Ehe polyandrisch ist oder nicht.
Theoretisch
gesehen hat nur ein Mitglied einer Generation in einem Haushalt
die Möglichkeit zu heiraten und Land zu erben. Im Normalfall
ist dies der älteste Sohn. Wie wir oben gesehen haben,
kann es jedoch zu Ausnahmen kommen (mag pa - bag ma). Auch
kann es im Fall eines reichen Haushalts durchaus vorkommen,
dass mehrere Mitglieder die Möglichkeit bekommen zu
heiraten. Bei der Polyandrie in Ladakh handelt es sich um
die Art der fraternalen Polyandrie, also zwei oder mehr
Brüder heiraten eine Frau. Der älteste von ihnen
gilt als Haushaltsvorstand und vertritt den Haushalt nach
außen hin. Sämtliche Kinder aus dieser Ehe, egal
ob sie nun tatsächlich von ihm sind, gelten als Kinder
des ältesten Bruders. Erklärt werden kann dies
durch die Vorstellung, dass ein Kind von der Mutter das
Blut und vom Vater die Knochen erhält. Sämtliche
Mitglieder der Matrilinie haben dasselbe Blut, während
sämtliche Mitglieder der Patrilinie die selben Knochen
besitzen. In dem Fall spielt es keine Rolle, welcher Bruder
nun tatsächlich als wahrer Vater, also Genitor, gilt,
da sowieso alle Brüder dieselben Knochen besitzen.
Als Gründe für das dominierende Vorkommen der
Polyandrie in dieser Region werden vor allem zwei Punkte
genannt:
1.
Land ist in Ladakh rar, und wenn es nun gleichmäßig
auf alle Brüder und Schwestern und ihre Ehefrauen und
-männer aufgeteilt würde, käme es über
die Generationen hinweg zu einer extremen Landnot und keine
Familie könnte von den aus der Landwirtschaft gewonnen
Produkten mehr überleben.
2. Durch die Heirat mit nur einer Frau von mehreren Brüdern
kommt es zu einem geringeren Bevölkerungswachstum.
||up||
Eine
polyandrische Ehe muss jedoch nicht ein Leben lang polyandrisch
bleiben. Durch das Sterben bzw. Zu- und Abwandern von Partnern
kann sich daraus durchaus eine monogame oder andere Form
der polygamen Ehe entwickeln. Im Alltag sieht es so aus,
dass nicht alle Brüder sich gleichzeitig im Haushalt
aufhalten. Normalerweise bleibt der älteste Bruder,
also der Haushaltsvorstand, zu Hause, während jüngere
Brüder sich anderweitig betätigen, zB im Transportwesen.
Vielfach haben jüngere Brüder auch ihre eigenen
Geliebten außerhalb des Haushalts.
Gerhard Emmer gibt Antwort auf die aus dem Westen vielfach
gestellte Frage zur Sexualität in der polyandrischen
Ehe, die oft in Phantasievorstellungen über ach so
große Freizügigkeit endet, die aber oft nichts
mit der Realität zu tun haben:
"Die
Sexualität in der polyandrischen Ehe (...) ist die
noch am einfachsten zu regelnde Angelegenheit. Wenn der
Altersunterschied zwischen Brüdern groß genug
ist, werden die jüngeren ohnehin erst dann sexuell
aktiv, wenn der älteste Bruder bereits auf Grund seiner
zahlreichen Tätigkeiten, die ihn oft monatelang von
Zuhause fortführen, für Geschlechtsverkehr mit
seiner Frau wenig Zeit und möglicherweise auch wenig
Lust hat. Falls aber die Brüder alle relativ gleich
alt und auch gleichzeitig anwesend sind, gibt es eine Art
Rotationsprinzip. Die Frau sollte idealerweise keinen der
Brüder bevorzugen, wodurch Spannungen und Eifersucht
vermieden werden.(...) Es können z.B. außereheliche
Beziehungen von einem der Grund sein, daß die Frau
eifersüchtig ist."
Durch
die Praxis der Polyandrie kann es natürlich zu einem
Überschuss von unverheirateten Frauen kommen. Wie in
allen Gebieten mit tibetischer Bevölkerung herrscht
aber ein gewisser Frauenunterschuß, was aber nicht
auf die Tötung von weiblichen Babies zurückzuführen
ist. Dieses Faktum wird oft als einer der Gründe für
das Entstehen der Polyandrie genannt. Dennoch kommt es immer
wieder zu einem Frauenüberschuss durch die Polyandrie.
Diese haben dann die Möglichkeit in ein Klöster
zu gehen, oder im angestammten Haushalt als zusätzliche
Arbeitskraft zu bleiben. Viele junge unverheiratete Frauen
entschließen sich aber auch dazu, einen Mann aus einer
anderen Religion - meist dem Islam - zu ehelichen, um dem
Manko des Single-Daseins zu entkommen. Aufgrund der neueren
politischen Entwicklungen nehmen Eheschließungen interreligiöser
Art jedoch ab. Diese (mehr oder weniger unfreiwiligen) Ehen
zwischen Buddhistinnen und Muslimen gelten für die
Ladakh Buddhist Association auch als eines der Argumente,
sich gegen die Polyandrie auszusprechen.
Auch
von indischer Seite her ist die fraternale Polyandrie moralisch
äußerst verwerflich, da im Hinduismus jede Beziehung
zur Schwägerin als inzestuös angesehen und einer
Beziehung mit der eigenen Mutter gleichgestellt wird.
So auch die Geschichte im Ramayana:
"The king rama had a devoted brother who considered
his brother's wife sita as mother and never had any eye
contact with her. Sita was once kidnapped by the demon king
of Lanka, present day Srilanka. Rama and his brother got
her back with the help of a monkey who was Rama's great
devotee. That monkey king is known as Hanuman and he is
worship in hinduism. In hinduism, the sister inlaw is treated
as a mother because of this."
Heute
wird die Polyandrie nur noch in abgelegeneren Gebieten praktiziert.
An und für sich hätte das Anti-Polyandrie-Gesetz
durch den Status der Ladakhis als Scheduled Tribe abgeschafft
werden können, auf Druck der Ladakh Buddhist Association
bleibt sie jedoch illegal. Wie viele Ehen dennoch polyandrisch
geschlossen werden, ist - wie bereits besprochen - schwer
zu sagen, da man sich heute erstens zurückhält,
darüber zu sprechen und da es zweitens schwierig ist,
auf den ersten Blick eine polyandrische Ehe zu erkennen.
Außerdem gibt es im Bezug auf Eheschließungen
kaum Dokumente.
||up||
||Die
Stellung der Frau||
DIE
traditionelle Rolle der Frau in Ladakh gibt es nicht, da
Ladakh genauso wenig homogen und vielleicht noch weniger
homogen ist als Österreich. Erstens einmal gibt es
verschiedene Religionen und soziale wie ethnische Gruppen,
in denen die Rolle der Frau nicht immer gleich aussieht.
Zweitens gibt es innerhalb einer ethnischen und religiösen
Gruppe - wie zB den buddhistischen Ladakhis, mit denen ich
mich beschäftigt habe - auch regionale Unterschiede.
Es ist also schwierig, hier zu generalisieren.
Viele westliche als auch indische Beobachter der ladakhischen
Gesellschaft neigen dazu, die Stellung der Frau zu romantisieren.
Besonders
indische (männliche!) Wissenschafter vermitteln in
ihren Arbeiten über die ladakhische Gesellschaft gern
das Bild einer promiskuitiven Gesellschaft, die frei von
jeglichen Tabus ist. Frauen können, egal ob sie verheiratet
oder unverheiratet sind, mit jedem Mann jederzeit sexuelle
Beziehungen eingehen. Frauen seien von außergewöhnlicher
Schönheit, die chhang, eine Art Gerstenbier, an Männer
verkaufen und nicht selten mit ihren Klienten auch sexuelle
Beziehungen eingehen, während Männer sexuell sehr
viril sind und Impotenz gar nicht erst kennen.
Man
kann zwar davon ausgehen, dass der Frau in Ladakh sowohl
vor als auch nach dem Anschluss an den indischen Staat relativ
viel Freiheit auch in sexueller Hinsicht gelassen wurde,
von übertriebener Freizügigkeit kann jedoch keine
Rede sein. Unverheiratete Frauen wurden keineswegs ermutigt
voreheliche Beziehungen einzugehen. Wenn es aber dazu gekommen
ist, so die Meinung der Ladakhis, die ich befragen konnte
und die auch aus entfernteren Gebieten Ladakhs kommen, hat
man es eben akzeptiert. In jedem Fall unterliegen Frauen
und Mädchen in dieser Hinsicht strengeren Restriktionen
als Männer und Burschen.
Obwohl Frauen in Ladakh nie unter der sozialen Ungleichheit,
wie zB Frauen in Indien, gelitten haben und auch noch immer
leiden, kann man noch lange nicht von einer Gleichheit zwischen
den Geschlechtern ausgehen. Dies gilt weder für vergangene
noch für gegenwärtige Zeiten. Vielfach wird von
Ladakhis als auch westlichen Beobachtern behauptet, dass
aufgrund der in früheren Zeiten dominierend praktizierten
Polyandrie die Stellung der Frau gleich hoch ist wie jene
der Männer.
||up||
Spalzes
Angmo verweist aber darauf, dass die Entscheidungskraft
der Frau sich auch in einer polyandrischen Ehe nur auf Haushaltsbelange
beschränkt. Sie bezeichnet auch insbesondere die Stellung
der unverheirateten Frauen als mitleiderregend, da sie ihr
ganzes Leben lang dazu verdammt sind, der Familie ihres
Bruders zu helfen. Oberflächlich betrachtet ist es
kein soziales Stigma, unverheiratet zu sein. Solche Frauen
nennen sich oft selbst cho mos, buddhistische Nonnen, wenngleich
die meisten von ihnen keine religiöse Ausbildung haben.
Sie arbeiten unbezahlt in ihren Familien und müssen
oft noch zusätzlich als schlecht bezahlte Arbeiterinnen
zB im Straßenbau ein Zubrot verdienen. Als cho mos
werden auch geistig wie körperlich behinderte Frauen
bezeichnet, die aufgrund eben dieser Behinderung keinen
Mann finden können.
Die
Arbeit in Ladakh unterliegt einer Geschlechterteilung. Frauen
übernehmen hauptsächlich Arbeiten, die sich um
den Haushalt drehen, also die Hausarbeit, Kinderbetreuung
und die leichte Feldarbeit, während sich Männer
für sämtliche Arbeiten, die sich weiter vom Haus
entfernt abspielen, verantwortlich zeichnen. Arbeiten rund
um die Ernte, also das Dreschen und Worfeln, das Melken
und das Spinnen und Weben, werden aber von beiden Geschlechtern
ausgeführt. Wie in fast allen Gesellschaften ist aber
auch in Ladakh das Pflügen der Felder ausschließlich
den Männern vorbehalten. Generell gesehen ist die Arbeit
der Frauen, trotz des Umfanges ihrer Tätigkeiten, aber
weniger angesehen als die der Männer, da die Arbeit
der Männer als vielfältiger und qualitativ hochwertiger
eingeschätzt wird. Was aber durchaus keine faire Sicht
der Dinge ist, da der Haushalt wesentlich mehr von der Frau
und ihrer Arbeit als der ihres Mannes abhängig ist.
Man
bekommt zwei Gründe in Ladakh für die Aufteilung
der Arbeit genannt:
1. (Und das ist ja auch bei uns eine bekannte Argumentation)
Die Arbeit der Männer sei anstrengender und könne
rein körperlich gesehen von einer Frau nicht so leicht
ausgeführt werden.
2. Eine Frau wird in erster Linie als Mutter angesehen,
die Kinder zur Welt bringt und sich um andere sorgt. Der
einzige Platz, wo sich Frauen wirklich wohl fühlen,
ist die Küche. Frauen seien scheu und haben kein Selbstwertgefühl,
sie wüssten nicht, wie man etwas in Angriff nimmt,
und daher müssen sie von anderen Menschen, wie zB dem
Ehemann, den Brüdern oder den Eltern geführt werden.
||up||
Auch
im religiösen Leben ist die Frau dem Mann untergeordnet.
In der klösterlichen Ordnung sind Nonnen den Mönchen
untergeordnet. Nonnen müssen die anstrengendsten Tätigkeiten
übernehmen, nehmen kaum an religiösen Zeremonien
teil und dürfen bei Zeremonien in Haushalten keine
Funktion übernehmen. Nonnen genießen kein allzu
großes Ansehen. Das dürfte damit zusammenhängen,
dass die größte Aufgabe einer Frau es ist, Kinder
zu gebären. Aus diesem Blickwinkel ist die Nonne gescheitert.
Im Leben der Laien, egal welches Geschlecht, spielt Religion
eine große Rolle. Wann immer Zeit dafür ist,
werden Gebete bzw. Mantras gesprochen. Und hier haben Männer
schon wieder einen Vorteil, weil sie aufgrund ihrer Aktivitäten
weitaus mehr Möglichkeiten haben, sich für Gebete
zurückzuziehen als Frauen.
Gottheiten,
die durchaus auch ihre aggressive Seite haben können,
werden leichter von Frauen als von Männern zur Rage
gebracht. Das liegt daran, dass Frauen als mehr unrein als
Männer angesehen werden, da nur sie menstruieren, und
dies als unrein betrachtet wird. Während der Menstruation
darf eine Frau zwar ihre Religion praktizieren, soll aber
weder Klöster noch Tempel und auch nicht den Haustempel
betreten. Ebenso werden Tod und Geburt als unrein angesehen.
Zwar sind in solchen Fällen alle Haushaltsmitglieder
von dieser Unreinheit betroffen, aber im Falle einer Geburt
stehen die Mutter und das Kind im Zentrum der Unreinheit.
Frauen gelten erst als richtige Frauen, wenn sie ein Kind
geboren haben. Wie deutlich die Rolle der Frau und deren
Ansehen vom Gebären der Kinder abhängt, zeigt
auch folgende Praxis in Ladakh: Wenn eine Frau keine Kinder
gebären kann, wird eine unverheiratete Schwester von
ihr in den Haushalt für den Zweck des Kinderkriegens
gebracht. Im Normalfall bleibt aber die unfruchtbare Ehe-Frau
im Haushalt. Die Wichtigkeit des Kinderkriegens zeigt auch
ein alter buddhistischer Text, in dem es heißt, dass
eine Frau erst dann sexuell befriedigt ist, wenn sie schwanger
ist.
Wenn
eine Frau niedergekommen ist, darf sie ihr Haus normalerweise
für ein Monat nicht verlassen, da sie dadurch die Götter
ärgern könnte. In dieser Zeit darf sie auch nicht
in den Haustempel. Die Zeit, wann sie das Haus wieder verlassen
darf, wird durch einen Astrologen berechnet. Auch der Vater
des Kindes gilt für eine gewisse Zeit, wenn auch nicht
so lange, als unrein.
||up||
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